Forschung mit Patientinnen und Patienten statt über sie
Wer Drittmittel für klinische Forschung einwerben will, kommt an Patientenbeteiligung kaum noch vorbei. Was hinter dem Kürzel PPIE steckt und wie der Einstieg gelingt, erklären Dr. Christine Fuhrmann, Geschäftsführerin der Studienzentrale SZB, und Dr. Robert Hüneburg aus der Medizinischen Klinik und Poliklinik I. Eine Fortbildung am 9. November bietet die Gelegenheit, das Thema zu vertiefen.
Mitgestalten statt nur teilnehmen
PPIE steht für Patient and Public Involvement and Engagement. Gemeint ist, Betroffene aktiv in die Gestaltung von Studien einzubinden, also Patient*innen oder Angehörige. „Die betroffene Person hat so die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und Anliegen direkt in die Planung der Studie einzubringen“, erklärt Fuhrmann. Das unterscheidet Beteiligung grundlegend von der klassischen Studienteilnahme. Wer an einer Studie teilnimmt, durchläuft vorab festgelegte Stationen und hat keinen Spielraum, mitzubestimmen.
Ein Faktor bei der Förderung
Patientenzentrierung hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Auch die überarbeitete Leitlinie zur Guten Klinischen Praxis, die ICH GCP E6, verankert dieses Prinzip. In vielen Förderprogrammen, etwa beim BMFTR, müssen Antragstellende ausführlich darlegen, wie sie Patient*innen beteiligen. Patientenvertreter*innen sitzen mit in der Begutachtung und bewerten die Qualität der Beteiligung nach einem Punktesystem.
„Schneidet ein Antrag dabei nicht besonders gut ab, sinken die Chancen auf eine Förderung drastisch“, sagt Fuhrmann. Die Studienzentrale berät deshalb inzwischen praktisch alle Antragstellenden dazu, Betroffene sinnvoll einzuplanen. Entscheidend ist, dass die Beteiligung konkret beschrieben wird und nicht wie ein Feigenblatt wirkt. Das kann eine Umfrage sein, die über eine Selbsthilfegruppe an deren Mitglieder geht, gefolgt von einem Symposium, auf dem Forschende offen mit Betroffenen diskutieren. Fragebögen und Visitenpläne lassen sich gemeinsam mit geschulten Patient*innen entwickeln. Während der Studie können regelmäßige Treffen helfen, den Verlauf zu besprechen und bei Bedarf nachzusteuern. Am Ende lassen sich die Ergebnisse gemeinsam mit Studienteilnehmenden öffentlich vorstellen.
Bessere Studien, mehr Vertrauen
Der Nutzen reicht weit über die Förderung hinaus. Forschende stellen in ihren Studien oft sehr viele Fragen. Manchmal wird das für die Teilnehmenden zu viel, oder es fehlen gerade die Fragen, die Betroffenen wirklich wichtig sind. Wer die Perspektive der Patient*innen früh einbezieht, plant Studien, die sich besser umsetzen lassen und häufiger erfolgreich abgeschlossen werden. „Wenn man direkt beteiligt ist, ist das Commitment viel höher“, so Fuhrmann. Zudem stärkt Beteiligung das Ansehen klinischer Forschung in der Öffentlichkeit und würdigt den Einsatz der Patient*innen für die Gemeinschaft.

Aus der Praxis: Gemeinsam mit SemiColon
Wie das im Forschungsalltag aussieht, zeigt die Arbeit von Dr. Robert Hüneburg. Er forscht zum Lynch-Syndrom, der häufigsten erblichen Veranlagung für Krebserkrankungen. In der LYNX-Studie untersuchte sein Team, wie Betroffene Vorsorge und Möglichkeiten der Krebsprävention wahrnehmen. Mit der Selbsthilfegruppe SemiColon arbeitet das Team schon seit Jahren eng zusammen. „Wir diskutieren Studienideen und Protokolle mit SemiColon, bevor eine Studie startet“, berichtet Hüneburg. Dabei geht es etwa darum, ob Fragestellungen sinnvoll sind, ob Abläufe für Patient*innen praktikabel sind und wie Informationen formuliert werden sollten. Auch während der Studie und bei der Interpretation der Ergebnisse bleibt der Austausch bestehen. Den einen entscheidenden Hinweis, der alles gedreht hat, gab es dabei nicht. Wichtiger ist für Hüneburg, dass Projekte von Anfang an gemeinsam gedacht werden. So fällt früh auf, wenn etwas wissenschaftlich sinnvoll erscheint, für Betroffene aber unnötig kompliziert oder wenig relevant ist. Umgekehrt bringen Patient*innen auch eigene Fragen ein. Besonders deutlich wird diese Form der Zusammenarbeit in der LYNX-Studie. Hier waren Patientenvertreter*innen von SemiColon nicht nur bei der Entwicklung der Fragestellungen und des Fragebogens eingebunden, sondern wirkten auch an der Auswertung, Interpretation und wissenschaftlichen Veröffentlichung der Ergebnisse mit. „Für uns bedeutet Patientenbeteiligung nicht, am Ende eine fertige Studie zur Kommentierung vorzulegen. Wir entwickeln die Projekte gemeinsam und beziehen die Perspektive der Betroffenen über den gesamten Forschungsprozess hinweg ein“, erklärt Hüneburg. Diese aktive wissenschaftliche Mitarbeit spiegelt sich auch in der Autorenschaft wider: Nicola Reents von SemiColon teilt sich die Erstautorenschaft der LYNX-Publikation mit Anne-Sophie Layritz. Die Arbeit „The implementation gap in aspirin chemoprevention for Lynch syndrome“ wurde im Oktober 2026 in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Gastroenterology & Hepatology veröffentlicht.
Die Zusammenarbeit zahlt sich aus, vor allem bei Folgeprojekten und bei der Rekrutierung. Bei erblichen Tumorsyndromen sei diese ohne ein gutes Netzwerk und Vertrauen in der Patientengruppe kaum zu schaffen. Eine Studie, die in der Community bekannt ist und vorher diskutiert wurde, stößt auf ganz andere Resonanz. Das hat das Team auch bei der CADLY2-Studie erlebt. Und bei größeren Anträgen sei aktive Patientenbeteiligung ohnehin ausdrücklich gewünscht. Sein wichtigster Rat an Kolleg*innen: früh anfangen. „Wenn das Studienprotokoll eigentlich schon fertig ist, ist meistens gar nicht mehr viel zu verändern.“ Wer die Zusammenarbeit langfristig aufbaut, kennt sich, kann auch kritisch diskutieren und kommt oft schneller zu einem guten Studiendesign.
So gelingt der Einstieg
Der erste Schritt ist leichter, als viele denken. Fuhrmann rät, sich beraten zu lassen und mit den eigenen Patient*innen ins Gespräch zu kommen: „Fragen Sie aktiv nach, wo der Schuh drückt. Hier werden Sie ganz viele Ideen und Anregungen bekommen.“ Auch der Austausch mit Kolleg*innen am Standort lohnt sich, zum Beispiel beim Tag der Klinischen Forschung. „Klinische Studien sind Team-Forschung, und die Patient*innen sind Teil Ihres Teams.“ Die Studienzentrale SZB begleitet Forschende dabei. Mit Erfahrung aus bis zu 75 Studienberatungen pro Jahr klärt das Team gemeinsam mit den Forschenden, wo ein Projekt steht und welche Maßnahmen passen. Oft folgen auf das erste Gespräch weitere Treffen. Auch beim Einholen von Angeboten und beim Abschätzen von Kosten unterstützt die Studienzentrale. Kontakt: studienzentrale-szb@ukbonn.de. Ein Kontaktformular für Beratungsanfragen auf der Website der Studienzentrale ist in Vorbereitung.
Fortbildung: Bessere Forschung durch Patientenbeteiligung – kompakt und praxisnah
Wer tiefer einsteigen und Mitstreiter*innen finden möchte, ist herzlich zur Fortbildung am Montag, 9. November 2026, von 11:00 bis 13:15 Uhr eingeladen. Die Medizinische Fakultät richtet sie in Abstimmung mit der Studienzentrale SZB im Life & Brain aus (Universitätsklinikum Bonn, Venusberg-Campus 1, 53127 Bonn). Nach einem Impulsvortrag von Dr. Sarah Weschke vom Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) zur Patientenbeteiligung können die Teilnehmenden in zwei kompakten Workshops ihr Wissen vertiefen und sich mit Kolleg*innen austauschen, die bereits Erfahrungen gesammelt haben. In der gemeinsamen Mittagspause ist für Essen und Getränke gesorgt, und es bleibt Zeit zum Vernetzen. Die Veranstaltung richtet sich an alle Interessierte der Medizinischen Fakultät. Die Ärztekammer Nordrhein hat sie mit 2 CME-Punkten zertifiziert.
Die Anmeldung ist bis zum 30. Oktober 2026 möglich unter: https://www.medfak.uni-bonn.de/de/studium-lehre/anmeldung-fortbildungsprogramm