Wenn der falsche Pilz zur lebensbedrohlichen Gefahr wird
Wie gefährlich ist ein Pilz, wenn er erst Stunden nach dem Verzehr Beschwerden auslösen könnte? Kann man Giftpilze am Geschmack erkennen? Und muss ein Kind tatsächlich in Gefahr sein, wenn es einen Pilz in den Mund genommen hat? Die Pilzsaison ist in vollem Gange – und damit steigt auch die Zahl der Anfragen bei den Giftinformationszentralen (GIZ), auch bei der GIZ am Universitätsklinikum Bonn (UKB). Ein vermeintlich harmloser Pilzfund kann unter Umständen lebensgefährlich werden – und manche verbreiteten Annahmen über Pilze sind schlicht falsch.
„Es gibt bestimmte Pilzvergiftungen, die unbehandelt tödlich verlaufen können“, erklärt Petra Förster, Oberärztin bei der GIZ am UKB. Besonders gefürchtet sind Pilze, die Amatoxin enthalten, zu denen zum Beispiel der Knollenblätterpilz gehört. Sie können schwere Leberschäden verursachen, die im schlimmsten Fall zu einem Leberversagen und sogar zu einer notwendigen Lebertransplantation oder zum Tod führen können.
Das Gefährliche: Die Beschwerden können spät kommen
Eine besondere Gefahr besteht darin, dass schwere Pilzvergiftungen nicht zwangsläufig unmittelbar nach dem Essen bemerkbar werden. Gerade bei Amatoxin-haltigen Pilzen vergehen zunächst Stunden, bevor Beschwerden auftreten.

Das kann dazu führen, dass Betroffene den Zusammenhang zwischen der Pilzmahlzeit und ihren Beschwerden gar nicht mehr erkennen. Wenn Symptome wie mehrmaliges Erbrechen und heftige Durchfälle auftreten, kann die Vergiftung bereits weit fortgeschritten sein.
Deshalb gilt: Wenn der Verdacht besteht, einen unbekannten oder möglicherweise giftigen Pilz gegessen zu haben, sollte frühzeitig eine Giftinformationszentrale kontaktiert werden – auch wenn zunächst noch keine Symptome vorhanden sind. Dort können die Angaben zum Pilz, zur aufgenommenen Menge, zum Zeitpunkt des Verzehrs und zu möglichen Beschwerden eingeordnet werden. Wenn nötig, kann zusätzlich eine fachkundige Pilzbestimmung organisiert werden. Von einem selbst ausgelösten Erbrechen rät Förster ausdrücklich ab. Das gilt insbesondere für vermeintliche Hausmittel wie Salzwasser. Erbrechen herbeizuführen sei nicht nur nicht hilfreich, sondern könne in bestimmten Situationen sogar gefährlich werden. Auch Milch ist kein geeignetes allgemeines Hausmittel gegen Pilzvergiftungen. Wenn eine Entfernung des aufgenommenen Giftes medizinisch sinnvoll ist, geschieht dies gezielt und unter ärztlicher Aufsicht – beispielsweise mit Aktivkohle.
Kinder: Nicht jeder Kontakt bedeutet eine Vergiftung
Gerade bei kleinen Kindern entsteht schnell Sorge, wenn sie im Garten, auf einer Wiese oder im Wald einen unbekannten Pilz angefasst oder in den Mund genommen haben.
Nach Einschätzung der Expertin Förster muss dabei allerdings zwischen Kontakt und tatsächlichem Verschlucken unterschieden werden. Wer einen Pilz lediglich berührt, daran leckt oder ihn im Mund hatte, ohne etwas davon zu schlucken, hat nach ihrer Einschätzung keine Vergiftung zu erwarten. Für eine Vergiftung muss eine entsprechende Menge des Giftes aufgenommen werden.
Trotzdem sollten Eltern bei einem unbekannten Pilz im Mund möglichst ruhig bleiben und zunächst klären, ob tatsächlich etwas verschluckt wurde. Bei einem möglichen Verzehr hilft die GIZ bei der Einschätzung des Risikos.
Wann muss der Rettungsdienst gerufen werden?
Ob unmittelbar der Rettungsdienst unter 112 alarmiert werden muss oder zunächst die GIZ kontaktiert werden sollte, hängt von der konkreten Situation ab.
Bei einem zunächst unklaren Pilzverzehr ohne schwere Beschwerden kann die GIZ den ersten Ansprechpartner darstellen. Entwickeln sich dagegen schwere Symptome oder besteht bereits der Verdacht auf eine lebensbedrohliche Vergiftung, ist eine sofortige medizinische Versorgung erforderlich.
Besonders alarmierend sind unter anderem schwere Kreislaufprobleme, eine ausgeprägte Verschlechterung des Allgemeinzustands, Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle oder schwere Herzrhythmusstörungen.
Die GIZ kann dabei helfen, das Risiko einzuordnen und die weitere Behandlung zu koordinieren. Gerade bei jedem unklaren Verzehr oder aufgetretenen Symptomen ist die Kombination aus medizinischer und mykologischer Expertise wichtig.
Pilzreste können Hinweise liefern, Pilzerkennungs-Apps nicht zuverlässig
Für die Einschätzung einer möglichen Pilzvergiftung ist es äußerst hilfreich, wenn noch Reste des Pilzes oder der Pilzmahlzeit – sogar aus dem Erbrochenen – vorhanden sind. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, lässt die Pilze vor dem Kochen und Essen von einer sachkundigen Person kontrollieren.
Von einer Bestimmung ausschließlich über eine Smartphone-App oder anhand eines Fotos aus dem Internet rät die Expertin Förster ab. Der Grund: Ein Foto bildet nur einen Teil der Merkmale eines Pilzes ab. Für eine zuverlässige Bestimmung können unter anderem der genaue Standort, der Zustand des Pilzes, sein Geruch und weitere Eigenschaften entscheidend sein.
Bitter, von Schnecken verschmäht oder durch Kochen entgiftet? Alles keine verlässlichen Regeln
Rund um Pilze ranken sich zahlreiche Mythen, die Sicherheit versprechen. Giftige Pilze würden bitter schmecken, schlecht riechen oder von Schnecken gemieden – oder Gift könne durch bestimmte Zubereitungsarten unschädlich gemacht werden. Auf solche Annahmen sollte man sich keinesfalls verlassen. Die einfachste Prävention ist daher: Nur Pilze essen, die sicher fachkundig bestimmt sind.