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Dunkel Hell

Prof. Thomas Beiert über die Kunst, Herzrhythmusstörungen zu verstehen und zu behandeln

Herzrasen aus dem Nichts, plötzliche Ohnmacht oder lebensbedrohliche Rhythmusstörungen: In der Elektrophysiologie geht es oft um Sekunden – und um Diagnosen, die das Leben von Patientinnen und Patienten grundlegend verändern können. Prof. Thomas Beiert leitet seit diesem Jahr offiziell die Sektion Elektrophysiologie am UKB. Im Interview spricht der gebürtige Bonner über seine Faszination für das Fachgebiet, bewegende Patientengeschichten und künstliche Intelligenz in der Kardiologie.

UKBmittendrin: Herr Prof. Beiert, Sie sind seit vielen Jahren am UKB. Wie begann Ihr Weg hierher?

Prof. Beiert: Ich habe tatsächlich direkt nach dem Studium am UKB angefangen – im Januar 2014. Schon während meiner Doktorarbeit war für mich klar, dass ich mich mit Herzrhythmusstörungen beschäftigen möchte. Ich habe damals in der Physiologie bei Professor Sasse und Professor Fleischmann zu einem elektrophysiologischen Thema geforscht. Diese Begeisterung hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Natürlich durchläuft man zunächst die klassischen Stationen in der Kardiologie – Normalstation, Intensivstation, Ambulanz. Aber ich habe früh versucht, in die Elektrophysiologie hineinzukommen, auch über klinische Studien. Seit 2018 arbeite ich im Katheterlabor, seit 2023 habe ich die Sektion zunächst kommissarisch geleitet und bin seit April offiziell Sektionsleiter.

UKBmittendrin: Was fasziniert Sie so an der Elektrophysiologie?

Prof. Beiert: Es ist ein unglaublich vielseitiges und anspruchsvolles Fachgebiet. Einerseits ist die Elektrophysiologie hochspezialisiert – selbst innerhalb der Kardiologie beschäftigen sich nur vergleichsweise wenige Kolleginnen und Kollegen in großer Tiefe damit. Andererseits behandeln wir Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen: von Kindern bis hin zu Hochbetagten.

Besonders faszinierend finde ich, dass wir manche Herzrhythmusstörungen tatsächlich heilen können. Wenn wir bestimmte Rhythmusstörungen veröden, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie nie wieder auftreten, bei bis zu 99 Prozent. Wenn ein zwölfjähriges Kind danach sein ganzes Leben ohne diese Belastung verbringen kann, ist das etwas unglaublich Schönes.

Hinzu kommt der diagnostische Aspekt. Elektrophysiologie hat manchmal etwas von Detektivarbeit. Schon ein normales EKG kann unglaublich viele Informationen liefern. Man analysiert kleinste Veränderungen, kombiniert sie mit den Symptomen der Patientinnen und Patienten und rekonstruiert daraus die Ursache der Rhythmusstörung. Im Katheterlabor erstellen wir dann teilweise dreidimensionale Karten des Herzens, um die elektrische Aktivität sichtbar zu machen. Das ist medizinisch, technologisch und wissenschaftlich extrem spannend.

UKBmittendrin: Bei aller Technik und Wissenschaft geht es am Ende immer um Menschen. Gab es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Prof. Beiert: Ja, mehrere sogar. Besonders bewegt hat mich eine junge Patientin mit einer sogenannten AV-Knoten-Reentry-Tachykardie. Sie litt seit Jahren unter plötzlichem Herzrasen – aus heiterem Himmel sprang ihr Puls auf 180 oder 190. Das Problem: Zwischen den Anfällen war ihr Herz vollkommen unauffällig. Das EKG war normal, der Ultraschall ebenfalls.

Viele Betroffene erleben deshalb, dass ihre Beschwerden lange nicht ernst genommen werden. Als wir die Rhythmusstörung schließlich im Rahmen einer elektrophysiologischen Untersuchung eindeutig nachweisen und erfolgreich behandeln konnten, brach die Patientin in Tränen aus – zunächst, weil ihr endlich jemand glaubte, und dann noch einmal vor Erleichterung, weil die Rhythmusstörung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder auftreten wird.

Solche Momente zeigen, wie stark Herzrhythmusstörungen das Leben beeinflussen können – selbst wenn sie von außen zunächst unsichtbar bleiben.

UKBmittendrin: Sie leiten Ihre Sektion nun im neuen Herzzentrum des UKB. Was hat sich dadurch verändert?

Prof. Beiert: Sehr viel. Allein die räumlichen Möglichkeiten sind völlig andere. Wir verfügen jetzt über zusätzliche Katheterlabore, modernste Technik und deutlich kürzere Wege. Früher mussten Patientinnen und Patienten teilweise noch durch verschiedene Gebäudeteile transportiert werden – heute ist alles zentral organisiert.

Das neue Herzzentrum verbessert aber nicht nur die Abläufe, sondern auch die Zusammenarbeit. Wir arbeiten eng mit der Herzchirurgie, der Kinderkardiologie und vielen anderen Bereichen zusammen. Gerade bei komplexen Fällen ist diese unmittelbare Verzahnung enorm wertvoll.

Hinzu kommt die technische Entwicklung. Unsere neuen Anlagen arbeiten beispielsweise mit deutlich geringerer Strahlenbelastung – ein großer Vorteil für Patientinnen und Patienten, aber auch für das Personal.

Und natürlich hat das Gebäude selbst eine enorme Außenwirkung. Es zeigt auch nach außen, auf welchem Niveau hier Medizin betrieben wird.

UKBmittendrin: Die Zahl der Patientinnen und Patienten mit Herzrhythmusstörungen steigt stetig. Welche Entwicklungen sehen Sie für die Zukunft?

Prof. Beiert: Vorhofflimmern ist inzwischen eine echte Volkskrankheit. Durch den demografischen Wandel werden wir in Zukunft noch deutlich mehr Patientinnen und Patienten mit Herzrhythmusstörungen behandeln müssen.

Deshalb möchten wir die Elektrophysiologie in Bonn national und international noch sichtbarer machen – sowohl in der Patientenversorgung als auch in Forschung und Lehre. Wir beteiligen uns an großen klinischen Studien, entwickeln neue Therapieverfahren weiter und arbeiten interdisziplinär zusammen, beispielsweise mit der Mathematik und Informatik.

Ein großes Zukunftsthema ist künstliche Intelligenz. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der Mathematik arbeiten wir an Projekten, bei denen aus EKG-Daten neue Risikomodelle entstehen sollen. Ziel ist es unter anderem, gefährliche Herzrhythmusstörungen oder ein erhöhtes Risiko für den plötzlichen Herztod früher zu erkennen.

Gleichzeitig entwickeln sich auch die Therapieverfahren rasant weiter. Neue Ablationstechnologien ermöglichen immer präzisere und schonendere Eingriffe. Für die Elektrophysiologie ist das aktuell eine unglaublich dynamische Zeit.

UKBmittendrin: Sie sprechen mit großer Begeisterung über die Zukunft der Elektrophysiologie. Springt dieser Funke inzwischen auch auf junge Kolleginnen und Kollegen über?

Prof. Beiert: Wir haben ein junges, hochmotiviertes Team mit viel Begeisterung für das Fachgebiet. Genau das freut mich besonders, denn als ich angefangen habe, gab es zeitweise nur wenige Interessierte für die Elektrophysiologie.

Heute erleben wir das Gegenteil: Viele junge Kolleginnen und Kollegen möchten in diesem Bereich arbeiten, forschen und sich weiterentwickeln. Wir fördern das gezielt – etwa durch nationale und internationale Fellowships oder Kooperationen mit anderen Zentren.

Ich glaube, die Zukunft der Elektrophysiologie in Bonn ist deshalb sehr vielversprechend.

UKBmittendrin: Und was motiviert Sie persönlich nach all den Jahren am meisten?

Prof. Beiert: Ganz klar die Patientinnen und Patienten. Viele kommen mit massiven Einschränkungen zu uns – manche haben Angst, Auto zu fahren oder allein unterwegs zu sein, weil sie jederzeit mit Herzrasen oder Ohnmachtsanfällen rechnen müssen.

Wenn diese Menschen nach einer erfolgreichen Behandlung wieder ein normales Leben führen können, dann ist das die größte Motivation überhaupt. Genau das macht die Elektrophysiologie für mich so besonders.

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