Warum Patientensicherheit psychologische Sicherheit braucht
Autor*innen: Karoline Kaschull & Andreas Kocks
Eine Information fehlt. Eine Dosierung erscheint ungewöhnlich. In einer Besprechung wird eine Entscheidung getroffen – aber Zweifel bleiben. Vielleicht nimmt jemand ein Risiko wahr, das andere gerade nicht sehen. Dann gibt es diesen kurzen Moment: Sage ich etwas? Für die Patientensicherheit kann diese scheinbar kleine Frage entscheidend sein. Denn Sicherheit hängt nicht nur davon ab, ob wir Risiken erkennen. Sie hängt auch davon ab, ob wir sie ansprechen können – und was passiert, wenn wir es tun.
Offen sprechen können

Psychologische Sicherheit bedeutet, dass Menschen in einem Team Fragen stellen, Unsicherheiten äußern, um Hilfe bitten und auf mögliche Risiken hinweisen können, ohne persönlich abgewertet oder bloßgestellt zu werden. Das gilt auch dann, wenn jemand einen eigenen Fehler anspricht, eine andere fachliche Einschätzung vertritt oder einer hierarchisch höhergestellten Person widerspricht.
Gerade im Krankenhaus ist das unverzichtbar. Hier arbeiten viele Berufsgruppen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Verantwortlichkeiten zusammen. Niemand kann jederzeit alles sehen. Umso wichtiger ist es, Beobachtungen und Zweifel zusammenzubringen.
Das Ansprechen von Risiken wird häufig als „Speak-up“ bezeichnet. Ob Menschen diesen Schritt gehen, hängt jedoch nicht nur von ihrem persönlichen Mut ab. Entscheidend ist auch, wie Kolleg*innen und Führungskräfte darauf reagieren.
Speak-up braucht Listen-up
Sätze wie „Das wissen wir doch“, „Dafür haben wir jetzt keine Zeit“ oder „Das ist nicht Ihr Thema“ sind schnell gesagt. Ihre Wirkung kann lange anhalten. Denn aus solchen Reaktionen lernen Menschen, welche Hinweise willkommen sind – und welche sie künftig womöglich lieber für sich behalten.
Eine offene Sicherheitskultur beginnt deshalb oft in kleinen Momenten:
- „Danke, dass Sie das ansprechen.“
- „Lassen Sie uns das gemeinsam prüfen.“
- „Gibt es etwas, das wir gerade übersehen?“
Wer zuhört, nachfragt und Hinweise ernst nimmt, trägt dazu bei, dass wichtige Beobachtungen auch beim nächsten Mal ausgesprochen werden.
Aus Hinweisen müssen Verbesserungen werden
Am UKB gibt es verschiedene Wege, um Risiken und kritische Ereignisse aufzunehmen und auszuwerten – darunter CIRS sowie Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen. Doch kein Instrument kann allein eine Lernkultur schaffen. Es braucht Menschen, die ihre Beobachtungen einbringen, und Strukturen, die daraus konkrete Verbesserungen ableiten.
Entscheidend ist, dass Mitarbeitende erfahren: Wir schauen hin. Wir nehmen Hinweise ernst. Und wir handeln.
Hohe Standards und ein offener Umgang gehören zusammen
Psychologische Sicherheit bedeutet weder Harmonie um jeden Preis noch, dass Fehler folgenlos bleiben. Sie senkt auch keine professionellen Standards. Im Gegenteil: Eine Organisation mit einem hohen Anspruch an Qualität muss Risiken, Abweichungen und Fehler möglichst früh erkennen und sorgfältig analysieren können.
Hohe fachliche Standards und ein respektvoller, offener Umgang gehören deshalb zusammen. Verantwortung zu übernehmen, konsequent zu handeln und gemeinsam zu lernen, sind keine Gegensätze. Ebenso ist es möglich, unterschiedlicher Meinung zu sein, ohne einander abzuwerten.
Kultur entsteht dabei nicht allein durch Leitlinien oder Meldesysteme. Sie entsteht täglich neu – in Übergaben und Visiten, bei Besprechungen und Telefonaten, im OP, auf Station, in Ambulanzen, Laboren und Büros.
Vielleicht besteht der persönliche Beitrag zur Patientensicherheit heute darin, selbst etwas anzusprechen. Vielleicht besteht er aber auch darin, so zu reagieren, dass ein anderer Mensch es morgen wieder tun wird.
Was wir alle beitragen können
Fragen. Zuhören. Danke sagen. Gemeinsam prüfen. Rückmeldung geben.
Und sich selbst immer wieder fragen: Wie reagiere ich, wenn mir jemand eine Unsicherheit, einen Fehler oder eine andere fachliche Einschätzung mitteilt?
Über die Autor*innen:
Karoline Kaschull, Dipl.-Psych., ist stellvertretende Leiterin des Centrums für Personalentwicklung am UKB und beschäftigt sich insbesondere mit Führungskultur, Führungskräfteentwicklung und psychologischer Sicherheit.
Andreas Kocks, MScN, BScN, ist Pflegewissenschaftler im Stab der Pflegedirektion am UKB und arbeitet zu Pflegeforschung, Qualitätsentwicklung, Patientensicherheit sowie zur Entwicklung einer lern- und sicherheitsorientierten Versorgungskultur.