Neue Leitlinie bringt Klarheit zu funktionellen Bewegungsstörungen
Plötzlich ist die Stimme weg. Oder das Gehen fühlt sich unsicher an, obwohl medizinisch „alles in Ordnung“ scheint. Für Betroffene ist das oft verunsichernd – und auch für Behandelnde nicht immer leicht einzuordnen. Mit der neuen S2k-Leitlinie zu funktionellen Bewegungsstörungen gibt es nun erstmals eine umfassende Orientierung für Diagnostik und Therapie. Sie bündelt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und schafft klare Empfehlungen für ein strukturiertes, interdisziplinäres Vorgehen. An der Entwicklung beteiligt war auch das UKB: Dr. Maria Dietrich, Diplom-Sprachheilpädagogin, leitet die Spezialambulanz für funktionelle Stimm-, Sprech- und Schluckstörungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKB und hat das Kapitel zur Sprachtherapie/Logopädie verfasst.

Im Interview erklärt sie, was hinter den Störungen steckt und warum die Leitlinie ein wichtiger Schritt ist.
UKBmittendrin: Was passiert bei funktionellen Bewegungsstörungen im Körper?
Dr. M. Dietrich: Bei funktionellen Bewegungsstörungen ist die Willkürmotorik beeinträchtigt. Bewegungen, die normalerweise automatisch ablaufen – wie Sprechen, Gehen oder Schlucken – funktionieren plötzlich nicht mehr zuverlässig.
Die Ursache liegt nicht in einer strukturellen Schädigung des Gehirns, sondern in der Verarbeitung von Informationen. Die Planung einer Bewegung ist gestört, und dadurch wird sie auch anders ausgeführt.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Aufmerksamkeit. Abläufe, die normalerweise ohne bewusste Steuerung funktionieren, geraten in den Fokus. Das kann die Bewegung selbst beeinträchtigen.
Dieses Gefühl kann im Prinzip jede*r selbst testen: Wenn man sich beim Autofahren plötzlich bewusst darauf konzentrieren müsste, wie man schaltet und welcher Fuß wann was macht, würde der Ablauf deutlich schwerer fallen. Ähnlich ist es bei Betroffenen – nur dass dieser Zustand alltägliche Abläufe wie Sprechen, Gehen oder Schlucken betrifft und nicht nur kurzzeitig auftritt.
UKBmittendrin: Was löst solche Störungen aus?
Dr. M. Dietrich: Die Auslöser sind sehr unterschiedlich und reichen von eher banalen bis hin zu komplexen Ereignissen. Häufig beginnen die Symptome zum Beispiel nach einer Erkältung oder einer COVID-Infektion.
Gerade im Bereich Stimme kann es vorkommen, dass sie während einer Erkrankung ausfällt und sich danach nicht mehr normalisiert.
Daneben spielen individuelle Risikofaktoren eine Rolle, etwa genetische Veranlagung, psychische Belastungen oder soziale Einflüsse. Auch bestehende Erkrankungen wie Depression oder eine veränderte Reizfilterung bei Autismus können dabei relevant sein.
Diese Faktoren sind sehr individuell und können sowohl Auslöser als auch aufrechterhaltende Faktoren sein – insbesondere dann, wenn sich die Störung über einen längeren Zeitraum verfestigt.
UKBmittendrin: Warum werden diese Erkrankungen so oft missverstanden?
Dr. M. Dietrich: Die Symptome wirken häufig wie klassische neurologische Erkrankungen, etwa nach einem Schlaganfall. Deshalb wird zunächst meist nach einer strukturellen Ursache gesucht.
Die Leitlinie stellt nun klar, dass funktionelle Bewegungsstörungen anhand positiver klinischer Zeichen diagnostiziert werden sollen. Spezifische Tests machen typische Muster sichtbar – eine reine Ausschlussdiagnostik ist damit nicht mehr erforderlich.
UKBmittendrin: Was bedeutet die neue Leitlinie für Betroffene?
Dr. M. Dietrich: Vor allem eine schnellere und zielgerichtetere Versorgung.
Zentral ist, dass die Diagnose nicht mehr erst nach langem Ausschlussverfahren gestellt wird, sondern aktiv anhand klinischer Zeichen erfolgen kann. Dadurch kann früher mit der passenden Behandlung begonnen werden.
Zudem betont die Leitlinie die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen und einen integrierten Behandlungsansatz. Das kann helfen, lange und oft belastende Wege durch unterschiedliche Versorgungsebenen zu verkürzen.
UKBmittendrin: Mit welchen Symptomen kommen Patient*innen zu Ihnen?
Dr. M. Dietrich: Die Bandbreite ist groß: von Flüstern bis hin zu funktionellem Mutismus, bei dem keine Stimme mehr hörbar ist. Auch funktionelles Stottern, Artikulations- oder Schluckstörungen kommen vor.
Typisch ist, dass sich Symptome verändern können – zum Beispiel ist die Stimme in bestimmten Momenten plötzlich wieder normal. Diese Situationen werden therapeutisch genutzt, um Patient*innen wieder mehr Kontrolle zu ermöglichen.
UKBmittendrin: Was sollten Patient*innen unbedingt wissen?
Dr. M. Dietrich: Dass funktionelle Bewegungsstörungen behandelbar sind. Wichtig ist, die Erkrankung zu verstehen und eigene Strategien zu entwickeln. Ziel ist, wieder mehr Kontrolle über die eigenen Symptome zu gewinnen.
UKBmittendrin: Was wünschen Sie sich von ärztlichen Kolleg*innen?
Dr. M. Dietrich: Mehr Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild und die Umsicht, die Diagnose proaktiv zu stellen. Eine gute Aufklärung der Patient*innen über die Erkrankung der funktionellen Bewegungsstörungen ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die Spezialsprechstunde für dissoziative und funktionelle Störungen meines Kollegen Dr. Max Pensel (Facharzt für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie) in der Ambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie hinweisen.