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Dunkel Hell

Forscher vom UKB setzt sich für Urbane Gesundheit ein

Die Hub Community für “Global Urban Health” veröffentlichte kürzlich ein neues Strategiepapier, das die Chancen und Herausforderungen für die menschliche Gesundheit in Städten weltweit aufzeigt und entsprechende Handlungsempfehlungen formuliert. Dr. Timo Falkenberg, Wissenschaftler des GeoHealth Centre am UKB, ist zusammen mit Dr. Carsten Butsch aktuell Sprecher und Koordinator der „Global Urban Health“ Community des „Global Health Hub Germany“. Das Policy Paper wurde jetzt am 13. Juni im Rahmen des Global Health Talk 2023 international thematisiert.

Zudem untersucht Dr. Falkenberg am Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit (IHPH) mit einer Nachwuchsforschungsgruppe im Projekt „Green Balance – positive und negative Gesundheitsauswirkungen der städtischen Biodiversität“ 10 ausgewählte städtische Grünflächen der Region Köln Bonn. In seinem vom BMBF mit knapp 1,5 Millionen Euro geförderten Vorhaben werden deren Einfluss auf unsere Gesundheit untersucht. Hierbei wird ein ganzheitlicher Gesundheitsansatz verfolgt. Ziel des Forschungsprojektes ist es, Handlungsempfehlungen zur Risikoreduzierung und Steigerung der positiven Auswirkungen von städtischen Grünflächen zu erarbeiten und diese an die Entscheidungsträger zu kommunizieren.

Messungen im Bonner Naherholungsgebiet Kottenforst:. (v. l.):Prof. Thomas Kistemann, Leiter des GeoHealth Centres und des WHO Kollaborationszentrums (WHO CC), Dr. Timo Falkenberg, Nachwuchsgruppenleiter IHPH, und Prof. Nico Mutters, Direktor des IHPH. Bildautor: Rolf Müller / UKB

Interview mit Dr. Timo Falkenberg zum Urban Health: New Policy Brief

Mit welchem Ziel hat der Global Health Hub Germany den Politikbrief „Urbane Gesundheit“ erstellt?

Falkenberg: Wir fordern Gesundheit als Querschnittsthema in der Stadtentwicklung zu verordnen, da jegliche städtischen Entscheidungen sich direkt oder indirekt auf die menschliche Gesundheit auswirken. Insbesondere in low-and Middle-Income Countries (LMICs) werden aktuell Stadtstrukturen geschaffen, die die Gesundheit der lokalen Bevölkerung über die nächsten Jahrzehnte prägen werden. Daher sehen wir die Notwendigkeit die Entwicklung von nachhaltigen und gesunden Städten zu fördern. Leider mussten wir feststellen, dass in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit das Thema Urbane Gesundheit nicht vertreten ist und es auch wenig Förderprogramme gibt, welche explizit Forschung im Bereich der Urbanen Gesundheit unterstützen. Daher wollen wir mit unserem Policy Paper Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenken, damit es in Politik, Praxis und Forschung präsenter wird.

Was sind die wichtigsten Auswirkungen der städtischen Lebenswelt auf unsere Gesundheit?

Falkenberg: In unserem Policy Paper betonen wir die Notwendigkeit von individuellen Stadtdiagnosen, da jede Stadt individuelle Herausforderungen und Möglichkeiten bietet. Es kann daher keine pauschale Blaupause für eine gesunde Stadt geben. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich negative Gesundheitsauswirkungen der städtischen Lebenswelt. Die meisten Städte sind auf Autoverkehr ausgerichtet, welcher sich negativ auf Luftqualität und Lärm auswirkt, und Bewohner von der Nutzung aktiver Mobilitätsoptionen abhält. Die aktuellen städtischen Mobilitätsmuster führen somit zu multiplen negativen Gesundheitswirkungen. Neben Exposition zu Schadstoffen und Lärm fördern fehlende Bewegung und erhöhter Stress Herz-Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen, Adipositas und vieles mehr.

Fehlende urbane Grünflächen sind ebenfalls ein großes Problem, denn sie sind von sehr hoher Bedeutung für das städtische Mikroklima. Insbesondere unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels benötigen Städte Grünflächen zur Kühlung, Unterstützung der Lufthygiene und der Förderung der Biodiversität. Sie bieten auch Orte für körperliche Aktivitäten, soziale Interaktionen, Entspannung, und aktive Mobilität. Hier ist es aber auch wichtig solche Grünflächen gut zu planen, zu managen und zu überwachen, da diese auch gesundheitliche Gefahren bergen. Die Gefahr durch Zecken untersuchen wir beispielweise im GreenBalance Projekt genauer.

Zeckenerhebung. in Röhndorf: Nachdem die „Fahne“ durch die Vegetation gezogen wurde, suchen die Doktorandin Johanna Grünewald und der Masterstudierende Raphael Räpple auf der Fahne nach Zecken.
Bildautor: Maria Luisa Espinel Ramos / UKB

Ein weiteres zentrales Problem vieler Städte sind gesundheitliche Disparitäten, also Ungleichgewichte. In Städten wohnen sowohl die reichsten als auch die ärmsten Bevölkerungsgruppen und oftmals sind auch die Gesundheitsdeterminanten ungleich verteilt. So sind in sozial schwächeren Quartieren schlechter Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen und gesundheitsförderlicher Infrastruktur zu finden, sowie auch eine höhere Exposition zu Umweltbelastungen wie Lärm und Luftverschmutzung. Die Konzentration von benachteiligten Bevölkerungsgruppen in bestimmten Stadtgebieten ist ein Phänomen, dass in allen Städten zu finden ist. Solche intraurbanen gesundheitlichen Disparitäten aufzubrechen und gezielte Stadtentwicklungsmaßnahmen in benachteiligten Stadtgebieten durchzuführen, hat ein immenses Potenzial die Urbane Gesundheit zu verbessern.

Gibt es weltweit Unterschiede in Bezug auf urbane Gesundheit?

Falkenberg: Es gibt, wie bereits erwähnt, starke Unterschiede der urbanen Gesundheit zwischen einzelnen Städten. Diese Unterschiede sind nochmal stärker ausgeprägt, wenn Städte der High-Income Countries (HICs) mit LMICs verglichen werden. Im globalen Norden ist eine zentrale Herausforderung die Mobilitätswende, die Entwicklung von energie-effizienten und gleichzeitig bezahlbaren Wohnraum, sowie die Förderung von sozialen Interaktionen. Während dies natürlich auch im globalen Süden wichtig ist, gibt es hier weitere wichtige Handlungsfelder. Die Sicherstellung von Wasserversorgung und Sanitärinfrastruktur – insbesondere in den Randgebieten schnellwachsender Städte – ist von zentraler Bedeutung für die urbane Gesundheit. Ebenfalls ist die Müllentsorgung in vielen Städten des globalen Südens nicht vollständig ausgebaut, welches zu einer hohen Verschmutzung von Wohnräumen, Oberflächengewässern und Böden beiträgt. Die Verbesserung der Lebensbedingungen in informellen Siedlungen („Slums“) und die Sicherstellung eines nachhaltigen Ernährungssystems bilden wichtige Herausforderung in den Städten des globalen Südens. Tiere im urbanen Raum sind ebenfalls ein Thema, zum Beispiel ist die Tollwutproblematik in der Straßenhundpopulation in vielen Städten präsent und auch vektorübertragende Krankheiten wie Dengue sind in Städten und städtischen Randgebieten der Tropen und Subtropen weitverbreitet.

Welche Chancen für die Gesundheit sehen Sie im städtischen Leben?

Falkenberg: Jede Entscheidung der Städte hat einen Einfluss auf die Gesundheit der Stadtbevölkerung, daher fordern wir die Einführung von verbindlichen Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen (Health Impact Assessment), sodass alle Stadtentwicklungsmaßnahmen bezüglich deren Einfluss auf die Gesundheit geprüft werden müssen und dies in die Entscheidungsfindung einfließt. Eine große Chance ist die notwendige Mobilitätswende hin zu mehr Fahrradstraßen und Nutzung vorhandener Parkplätze zur Straßenbegrünung. Städte sollten keine Anreize für Automobilität schaffen, sondern gesunde, aktive Mobilität fördern. Dies würde nicht nur positive Effekte für die Gesundheit und die Lebensqualität der Stadtbevölkerung verursachen, sondern parallel auch Treibhausgasemission vermindern und somit einen Beitrag zur Klimawandeladaption bieten.

Zudem ist mehr Wohnraum notwendig und muss über die nächsten Jahre entwickelt werden. Er wird das zukünftige Stadtbild prägen und bietet daher die Chance nachhaltigen, fairen und gesundheitsförderlichen Wohnraum zu kreieren. Hier sind die Städte gefragt, Regel, festzusetzen, die gewährleisten, dass die Stadtgesundheit bei solchen Projekten mitgedacht wird.

Wald in Ippendorf: Standort in dem im Rahmen von GreenBalance aktuell Zeckenproben genommen werden. Bildautor: Raphael Räpple / UKB

Welche Risiken sehen Sie für urbane Gesundheit?

Falkenberg: Das größte Risiko für die urbane Gesundheit ist das Festhalten am Status Quo. Es dürfen nicht Profite von einzelnen Unternehmen unser Stadtbild prägen, sondern wir brauchen inklusive, nachhaltige Städte, die Gesundheit und Wohlbefinden der Stadtbevölkerung fördern. Wie bereits erwähnt, sind die Bereiche die die größten Chancen bieten, gleichzeitig diejenigen in denen durch Fehlplanung die größten Risiken entstehen. Wenn Städte weiterhin Autofreundlichkeit bevorzugen, wenn Nachverdichtung des Wohnraums Vorzug über Ausbau von Grünflächen hat und wenn benachteiligte Stadtgebiete nicht gezielt gefördert werden, dann werden die Gesundheitsprobleme der Städte zunehmen.

Sind wir hier in Bonn auf einem guten Weg?

Falkenberg: Prinzipiell sind wir in Bonn auf einem guten Weg, aber es besteht noch Luft nach oben. Die Bonner Nachhaltigkeitsstrategie mit Fokus unter anderem auf Ausbau der aktiven und emissionsarmen Mobilität, der Förderung der grünen und blauen Infrastruktur und der Förderung von Geschlechtergerechtigkeit und Diversität zeigt einen Entwicklungsplan auf, welcher nicht nur die Nachhaltigkeit der Stadt Bonnsondern auch deren urbane Gesundheit verbessert. Allerdings kann das Thema Stadtgesundheit in Bonn präsenter werden und könnte als Querschnittsthema stärker etabliert werden. Insbesondere als „Zentrum der Nachhaltigkeit“ kann Bonn die gesundheitlichen Vorteile einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit stärker hervorheben.   

Hier geht es zum Policy Brief „Urban Health“

https://www.globalhealthhub.de/de/news/detail/policy-brief-urban-health

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