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Dunkel Hell

Kopfschmerzen tagelang ohne Pause – wenn das Leben nicht mehr planbar ist

Die von Migräne geplagte Vilja C.* fand Hilfe an der Schmerzmedizin des UKB.
Die von Migräne geplagte Vilja C.* fand Hilfe an der Schmerzmedizin des UKB.

Anfallsartige pochende Schmerzen im Kopf: Seit 30 Jahren leidet Vilja C.* [*Name geändert] unter schweren, immer wiederkehrenden Migräneattacken. Bis zu 17 Tagen im Monat – teilweise drei bis fünf Tage am Stück – kann sie auch mit schmerzlindernden nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR, und Triptanen den extremen Kopfschmerzen nicht wirklich entfliehen. „Viele denken, ein bisschen Kopfschmerzen haben alle irgendwann. Aber mit solchen starken Migräneanfällen ist man vom Leben ausgeschlossen“, sagt Vilja C*. Zusätzlich zu den Schmerzen war ihr übel und ihre Koordination litt. „Oft konnte ich nur noch im Bett liegen und nicht mehr aufstehen“, sagt Vilja C*. Aufgrund der zu jeder Zeit möglichen Schmerzattacken plante die 46-Jährige beispielsweise keinen Urlaub mehr oder einen Kindergeburtstag für ihre heute 22-jährige Tochter. Auch hatte sie Angst davor, arbeitsunfähig zu werden. „Das ist sehr typisch. Denn es trifft häufig diejenigen, die sich in ihrer produktivsten Lebensphase befinden. Dabei wirkt die Erkrankung sehr belastend und einschränkend“, sagt Dr. Annette Gass, die zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Carolina Link seit etwa zehn Jahren Vilja C.* behandelt. Gemeinsam leiten sie die Abteilung Schmerzmedizin an der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Bonn (UKB).

(v. li) Link und Gass besprechen mit ihrer Patientin Vilja C.* den Schmerzkalender.

„Ich bin auf eine medikamentöse Prophylaxe angewiesen“, sagt Vilja C.* So probierte sie vorbeugende Maßnahmen von Sport über Entspannung bis hin zu Psychotherapie aus. Doch alles konnte ihr nicht ausreichend helfen. Als sie sich an die Schmerzambulanz auf dem Venusberg-Campus wandte, ermöglichten ihr die Spezialistinnen Gass und Link eine vorbeugende Botulinumtoxin-Therapie, die die Frequenz der Attacken und die Schmerzstärke reduzieren sollte. „Anderthalb Jahre hat es etwas geholfen“, sagt Vilja C*. Dann ließ die Wirkung nach. Gleichzeitig erfolgte die Zulassung für die Antikörperbehandlung bei Migräne in Deutschland. Die Patientin erfüllte die Kriterien für diese prophylaktische Maßnahme. „Bei Migräne verfolgen wir den Ansatz einer medikamentösen und nicht medikamentösen Prophylaxe, damit Anfälle erst gar nicht entstehen“, sagt Link. „Die Antikörpertherapie ist eine Option bei Betroffenen, bei denen andere vorbeugende Maßnahmen nicht greifen und ist immer eine individuelle Einzelfallentscheidung wie bei unserer Patientin.“ Schlagartig verbesserte sich die Migränesymptome bei Vilja C*: „Ich habe nur noch an sechs bis sieben Tagen im Monat Kopfschmerzattacken und diese auf wenige Stunden reduziert und schwächer.“

Bei CGRP-Antikörper-Therapie spritzt sich Migräne-Patientin Vilja C.* nach Anleitung von Gass und Link das Medikament selbst.

„Migräne kann man nicht heilen, aber man kann lernen, mit der Erkrankung gut zu leben.“

Interview

Etwa 54 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter vorübergehenden oder chronischen Kopfschmerzen. Was steckt hinter diesen Erkrankungen?

Gass: Es gibt über 200 verschiedene Arten von Kopfschmerzen. Die häufigsten sind Spannungskopfschmerzen und Migräne. Viele Patienten, die zu uns kommen, leiden unter diesen beiden Kopfschmerzarten. Wenn frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, kann viel bewirkt werden.

Link: Migräne beschränkt sich nicht nur auf Schmerzen. Die Patienten fühlen sich oft schon davor und danach eingeschränkt und nicht arbeitsfähig. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sind Kopfschmerzerkrankungen ein großes Thema.

Welche Diagnostikmethoden setzen Sie in der Schmerzambulanz ein?

Gass: Wir müssen zunächst ergründen, unter welcher Art von Kopfschmerzen der Patient leidet. Dazu erfolgt ein ausführliches Anamnesegespräch und eine Untersuchung. Außerdem bedienen wir uns eines Kopfschmerzkalenders. Speziell bei Migräne ist es wichtig, die Anzahl und Dauer der Anfälle und den persönlichen Leidensdruck zu erfassen. Andere Diagnostikmethoden werden je nach Fall ebenfalls veranlasst zum Beispiel eine neurologische Untersuchung und eventuell EEG und MRT.

Migräne gilt als unheilbar. Wie kann man sich eine entsprechende Therapie vorstellen?

Link: Gegen Kopfschmerzen gibt es viele freiverkäufliche Medikamente. Das ist ein Problem. Die Kopfschmerzerkrankung wird häufig heruntergespielt. Und um weiter zu funktionieren, nehmen viele einfach Tabletten. Bei übermäßigem Gebrauch kann sich der Kopfschmerz verselbstständigen. Deswegen ist eine rechtzeitige Vorstellung bei einem Experten wichtig, damit der Betroffene nach entsprechender Diagnostik ein individuell zugeschnittenes Behandlungskonzept erhält.

(v. li.) Link und Gass besprechen alle Patient*innen ausführlich, um die jeweils beste individuelle Therapie zu finden.

Gass: Mit Medikamenten allein werden chronische Kopfschmerzen nicht behandelt. Dazu wenden wir ein multimodales Konzept an: Bewegung, Ausdauersport, Physiotherapie, psychologische Schulung sind mindestens genauso wichtig wie eine medikamentöse Therapie. Das Erkennen und Vermeiden von so genannten Triggern, die eine Migräneattacke auslösen können, hilft zusätzlich. Auch Schlaf, Trink- und Essverhalten müssen besprochen und gegebenenfalls angepasst werden. Es ist unser Ansinnen, Betroffene dabei zu beraten und zu begleiten.

Link: Die prophylaktische medikamentöse Therapie umfasst auch neuere Ansätze, beispielsweise. die Therapie mit Botulinumtoxin, die seit 2010 zur Behandlung von Migräne mit einer bestimmten Anzahl von Attacken pro Monat eingesetzt werden kann. Das Nervengift wird viermal im Jahr an 37 vorgegebene Stellen gespritzt. Wenn andere Therapien nicht zum gewünschten Erfolg führten, kann die CGRP-Antikörper-Therapie in Erwägung gezogen werden. Vor der Anwendung müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt werden.

Was legen Sie ihren Patientinnen und Patienten besonders ans Herz?

Gass: Die Veranlagung zur Migräne kann man nicht ändern. Den Umgang mit der Erkrankung aber schon. Es sind Lernprozesse, sein Leben nicht mehr von Migräne bestimmen zu lassen.Link: Wir versuchen, die Eigenständigkeit unserer Patientinnen und Patienten zu fördern. Viele brauchen Unterstützung und Begleitung, damit sie neue Erkenntnisse umsetzen können. Wenn ihnen dies gelingt, fühlen sie sich der Erkrankung nicht mehr so stark ausgeliefert.

Schmerzmedizin am UKB:

  • Pro Quartal circa 120 Patient*innen mit den Diagnosen Migräne, Spannungskopfschmerz sowie einige mit Clusterkopfschmerz
  • Zusätzlich Patient*innen mit Gesichtsschmerzen, Trigeminusneuralgie sowie mit Kopfschmerzen aufgrund anderer Erkrankungen (Häufigkeit in dieser Reihenfolge)
  • Alle Patient*innen erhalten ein individuelles Therapiekonzept, das im Rahmen von regelmäßigen Therapieverlaufskontrollen begleitet wird.

Mögliche Optionen für ein Therapiekonzept: Medikation, Verordnung von Physiotherapie, Injektionen, Psychoedukative Gespräche, Adjuvante Verfahren

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