Bonner Stufenkonzept mit dem Deutschen Preis für Patientensicherheit ausgezeichnet
Das Herz rast, die Hände werden kalt und feucht, alles im Körper drängt zur Flucht. Für manche Kinder und Jugendliche ist die Angst vor einer Nadel so groß, dass Impfungen, Blutentnahmen oder notwendige Untersuchungen nicht mehr möglich sind.
Für sie haben Prof. Ehrenfried Schindler, Leiter der Sektion Kinderanästhesiologie am UKB, und Sven Korejtko, Pflegefachkraft im Eltern-Kind-Zentrum (ELKI), das Bonner Stufenkonzept entwickelt. Es ermöglicht notwendige medizinische Maßnahmen, ohne Kinder festzuhalten, zu überreden oder ihre Angst zu übergehen. Dafür wurde das Projekt jetzt mit dem dritten Platz beim Deutschen Preis für Patientensicherheit 2026 ausgezeichnet.
Patientensicherheit beginnt mit Vertrauen
„Zum ersten Mal hatten wir das Gefühl, dass unser Problem wirklich verstanden und ernst genommen wird“, erzählt Stefanie*, die Mutter des 13-jährigen Philip*. Nach einer belastenden Erfahrung waren Spritzen für ihn unmöglich geworden. Seine Familie, die aktuell in Shanghai lebt, fand zunächst keine passende Hilfe. Mit Unterstützung einer KI wurde sie schließlich auf das Angebot am UKB aufmerksam und reiste für die notwendigen Impfungen nach Bonn.

Hier lernte Philip zunächst das Team, die Räume und den Ablauf kennen. Für seine Mutter war besonders wichtig, dass lösungsorientiert gearbeitet wurde und niemand versuchte, ihren Sohn zu etwas zu zwingen. Die Impfungen konnten anschließend unter kurzer Sedierung durchgeführt werden.
Kein Zwang, keine Überraschungen
Das Konzept beginnt mit einem eigenen Vorgespräch. Die Kinder lernen das Team und den geplanten Ablauf kennen. Am Behandlungstag werden Wartezeiten und Überraschungen möglichst vermieden. Je nach Bedarf kommen ein betäubendes Pflaster, angstlösende Medikamente oder eine kurze Sedierung unter kinderanästhesiologischer Überwachung zum Einsatz.
Vor allem gilt: Es geschieht nichts gegen den Willen des Kindes.
Auch Mio aus Meckenheim hatte nach einer belastenden Blutentnahme das Vertrauen verloren. Am UKB wurden ihm und seiner Mutter Maike zunächst alle Schritte erklärt. „Man hat sich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt“, erzählt sie. „Ich war einfach nur erleichtert, dass das möglich ist.“ Anschließend konnten sowohl die Blutentnahme als auch die Impfung durchgeführt werden.
Eine sichere Brücke zur notwendigen Versorgung
Im Zeitraum von Februar 2022 bis September 2025 wurden 52 Kinder und Jugendliche mit dem Stufenkonzept behandelt. Alle hatten zuvor mindestens drei erfolglose oder abgebrochene Behandlungsversuche erlebt. Bei 50 von ihnen konnte die notwendige medizinische Maßnahme durchgeführt werden.
Das Angebot ist weder als Dauerlösung gedacht noch ersetzt es eine langfristige Behandlung der Phobie. Es schafft zunächst einen sicheren Zugang zur notwendigen Versorgung – und vermittelt den Kindern eine neue Erfahrung: Eine medizinische Maßnahme kann auch ohne Zwang und Überforderung gelingen. Langfristig sollen Impfungen oder Blutentnahmen möglichst wieder ohne Sedierung möglich werden.
Das ausgezeichnete Konzept zeigt, was Patientensicherheit auch bedeutet: Ängste und belastende Erfahrungen ernst zu nehmen und die Versorgung so anzupassen, dass notwendige Behandlungen sicher möglich werden.
| Weitere Informationen und Terminvergabe Sekretariat der Sektion Kinderanästhesiologie E-Mail: andrea.hillen-wiemer@ukbonn.de Telefon: 0228 287-37595 |
*Die mit einem Sternchen gekennzeichneten Namen sind Pseudonyme.