MS Wissenschaft macht im Juli Halt in Bonn – Exponat des Sonderforschungsbereichs „Metaflammation“ an Bord
Vom 10. bis zum 13. Juli legt die MS Wissenschaft mit der Ausstellung Medizin der Zukunft in Bonn am Stresemannufer, Höhe Bundeshaus an – mit an ist Bord das Exponat „Achtung entzündlich! – Wie beeinflusst dein Lebensstil dein Immunsystem?“ des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1454 „Metaflammation and Cellular Programming“ der Universität Bonn und des UKB. Im Interview geben die Sprecherin des SFB Prof. Dagmar Wachten und die Wissenschaftskommunikatorin des Forschungsverbunds Theresa Vonderheit Einblicke zum Exponat und erklären, was hinter dem Begriff Metaflammation steckt und warum das Thema für unsere Gesundheit so relevant ist.
UKBmittendrin: Metaflammation ist das zentrale Forschungsthema des SFB 1454 – was genau versteht man darunter?
Prof. D. Wachten: Metaflammation ist eine chronische, niedriggradige Entzündung im Körper, die nicht durch Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien ausgelöst wird. Stattdessen entsteht sie vor allem durch Faktoren unseres modernen Lebensstils – zum Beispiel durch eine ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel oder Stress.
Der Begriff selbst setzt sich aus „metabolic“ für Stoffwechsel und „inflammation“ für Entzündung zusammen und beschreibt damit die enge Verbindung zwischen Stoffwechselprozessen und dem Immunsystem.
Besonders deutlich wird das im Fettgewebe: Es ist nicht nur ein Energiespeicher, sondern ein aktives Stoffwechsel- und Immunorgan. Bei Überernährung oder Adipositas verändert sich dort das Gleichgewicht der Immunzellen, wodurch entzündliche Prozesse verstärkt werden können.
Das Besondere ist, dass diese Entzündung meist über lange Zeit unbemerkt bleibt. Sie verursacht keine typischen akuten Entzündungssymptome wie Fieber oder Schmerzen, kann aber dennoch dauerhaft Prozesse im Körper beeinflussen und so zur Entstehung nichtübertragbarer Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Alzheimer beitragen.
UKBmittendrin: Warum ist Metaflammation für die Forschung so relevant?
Prof. D. Wachten: Die mit Metaflammation verbundenen nichtübertragbaren Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache und stellen eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit dar. Ihre Zunahme steht in engem Zusammenhang mit Veränderungen im Lebensstil.
Wir untersuchen, wie Lebensstil- und Umweltfaktoren das Immunsystem und den Stoffwechsel beeinflussen und dadurch zu chronischen Entzündungsprozessen führen.
Ich selbst beschäftige mich in meinem Forschungsprojekt im SFB insbesondere mit der Rolle primärer Zilien im Körper. Zilien sind winzige Zellfortsätze, die wie „Antennen“ auf der Zelloberfläche sitzen. Sie nehmen Signale aus der Umgebung wahr und übersetzen diese in zelluläre Antworten.
Diese Strukturen spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Adipositas. Wir untersuchen daher, wie Zilien zur Entwicklung oder auch zur Vermeidung von Metaflammation beitragen können. Ziel ist es, die molekularen Signalwege besser zu verstehen, die darüber entscheiden, ob Fettgewebe gesund bleibt oder chronische Entzündungsprozesse entwickelt. Ein besseres Verständnis dieser zellulären Mechanismen kann die Grundlage für neue Ansätze in Prävention und Therapie schaffen.

UKBmittendrin: Warum ist es dem SFB wichtig, Metaflammation in die Gesellschaft zu tragen?
T. Vonderheit: Metaflammation betrifft uns alle, denn die damit verbundenen nichtübertragbaren Erkrankungen können jede und jeden im Laufe des Lebens treffen – sei es direkt oder im familiären Umfeld. Die Forschung zeigt, dass Metaflammation eng mit unserem Lebensstil zusammenhängt. Diese Zusammenhänge sind zwar wissenschaftlich komplex, aber gesellschaftlich hochrelevant – insbesondere mit Blick auf die Medizin der Zukunft und die Möglichkeit, Krankheiten frühzeitig zu verhindern.
Genau deshalb ist es uns wichtig, diese Forschung nicht nur im wissenschaftlichen Kontext zu betrachten, sondern sie auch in die Öffentlichkeit zu tragen. Als Forschungsverbund sehen wir es als Teil unseres Auftrags, komplexe biologische Zusammenhänge verständlich zu machen und ihre gesellschaftliche Relevanz sichtbar zu machen.
UKBmittendrin: Warum haben Sie die Inhalte in eine alltägliche Kioskkulisse gesetzt und was wollen Sie mit dem Exponat erreichen?
T. Vonderheit: Unser Exponat ist als Kiosk gestaltet, weil der Kiosk ein Ort ist, den jeder aus dem Alltag kennt. Der Kiosk steht dabei sinnbildlich für viele alltägliche Entscheidungen, die unseren Lebensstil prägen – oft ganz unbewusst.
Zwischen Zeitungen, Snacks und Drinks können Besucherinnen und Besucher entdecken, wie ein ungesunder Lebensstil zur Entstehung von Metaflammation beitragen kann und welche Auswirkungen das auf unseren Körper hat.
Ergänzt wird das Exponat durch Videobeiträge aus unserem Sonderforschungsbereich. Besucherinnen und Besucher erhalten so Einblicke in verschiedene Forschungsprojekte des SFB.
Unser Ziel ist es, das Verständnis dafür zu fördern, wie eng Lebensstil, Immunsystem und Gesundheit miteinander verbunden sind.
Bildunterschrift Textbild-Lucia-1:
(v. li.) Prof. Dagmar Wachten und Theresa Vonderheit präsentierten ihr Exponat am Tag der Eröffnung der MS-Wissenschaft.
Copyright: Lucia Bernhardt/HIPS
Copyright (links): Ilja C. Hendel / Wissenschaft im Dialog
„Dialog an Deck“: Prävention neu denken
Während die MS Wissenschaft in Bonn am Brassertufer vor Anker liegt, lädt die Universität Bonn am Freitag, 10. Juli 2026 von 18:00 bis 19:30 Uhr zur Diskussionsveranstaltung „Dialog an Deck: Prävention neu denken – Gesundheit der Zukunft im Dialog“ ein: Wie können wir Krankheiten vorbeugen, bevor sie entstehen? Welche Rolle spielen Ernährung, Umwelt und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für unsere Gesundheit? Und wie lässt sich Prävention verständlich, gerecht und wirksam gestalten? Dabei stellt sich auch die Frage, welchen Beitrag interdisziplinäre Zusammenarbeit und Innovationen aus der Wissenschaft leisten können.
Auf der MS Wissenschaft diskutieren Expertinnen und Experten der Universität Bonn über aktuelle Perspektiven der Präventionsforschung – von Zivilisationskrankheiten über Planetary Health bis hin zu Fragen der Ethik. Die Veranstaltung lädt zum Mitdiskutieren ein und richtet sich an alle Interessierten. Die Veranstaltung ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
MS Wissenschaft und Wissenschaftsjahr 2026
Die MS Wissenschaft tourt seit 2002 jährlich als schwimmendes Science Center durch Deutschland. Im Wissenschaftsjahr 2026 mit dem Thema Medizin der Zukunft steuert das 100 Meter lange Ausstellungsschiff zwischen Mai und September 36 Städte in Deutschland, Polen und Österreich an. Auf rund 30 interaktiven Stationen zeigen Forschende aus Hochschulen, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft sowie aus DFG-geförderten Verbünden, wie sie die Medizin von morgen gestalten. Wissenschaft im Dialog realisiert die Ausstellung im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt.