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Dunkel Hell

Pfarrerin Agnes Franchy-Kruppa geht in den Ruhestand

Nach über drei Jahrzehnten Klinikseelsorge am Universitätsklinikum Bonn (UKB) verabschiedet sich Pfarrerin Agnes Franchy-Kruppa in den wohlverdienten Ruhestand. Aufgewachsen in einer Pfarrersfamilie – ihr Vater war Pfarrer, ihre Mutter Tochter eines Pfarrers – war der Glaube stets ein prägendes Element ihres Lebens. Als erste evangelische Pfarrerin am UKB hat sie nicht nur viele Veränderungen miterlebt, sondern auch selbst maßgeblich dazu beigetragen, dass Seelsorge neu gedacht und gelebt wurde. Ob in der Frauenklinik, bei ethischen Fragestellungen oder in der Begleitung von Eltern, die sich gegen das Weiterleben eines schwerbehinderten Kindes entschieden haben, dessen Diagnose bereits in der Schwangerschaft festgestellt wurde. Die UKBmittendrinRedaktion hat mit ihr über ihre Zeit am UKB, Herausforderungen und ihre Zukunftspläne gesprochen.

„Ich war die erste Frau im Team – und das war nicht immer einfach.“

Agnes Franchy-Kruppa kam als Jugendliche mit ihrer Familie aus Rumänien nach Deutschland. In Wuppertal, München und Bonn studierte sie Theologie und stieß später als erste evangelische Pfarrerin zum Klinik-Seelsorge-Team des UKB. Eine Frau in einer solchen Position? Das war für viele ungewohnt – insbesondere in einem Team, in dem katholische Präsenz traditionell stärker war.

Ukb-mittendrin: Wie haben Sie diese Anfangszeit erlebt?
„Es war für die Kollegen komplett neu – zunächst hat mich auch nicht jeder wirklich ernst genommen. In einem eher konservativen Umfeld war es für einige befremdlich, dass ich als Frau eine solche Rolle übernehme.“ Als Frau wurde sie dann schwerpunktmäßig auch zu Frauen geschickt – in die Frauenklinik. In einer Zeit, in der sich medizinisch gerade viel veränderte.

Bildunterschrift: Agnes Franchy-Kruppa war die erste Pfarrerin im Team der Klinik-Seelsorge

Schwangerschaftsabbrüche und ethische Debatten: Eine Pfarrerin im Spannungsfeld

Von Beginn an war es ihr ein besonderes Anliegen, Paare – insbesondere Frauen – zu begleiten, die durch die Pränataldiagnostik in den inneren Konflikt über einen möglichen Schwangerschaftsabbruch gelangten. Eine Thematik, die in den 1990er Jahren – und teilweise bis heute – gesellschaftlich stark diskutiert wurde. Die Pränataldiagnostik entwickelte sich zu diesem Zeitpunkt rasant weiter, und viele Eltern standen plötzlich vor schwierigen Fragen, wie: Kann ich einem Kind mit einer Behinderung gerecht werden? Oder: Wie kann ich damit leben, diese Schwangerschaft abzubrechen?

UKB mittendrin: Wie sind Sie mit diesen Herausforderungen umgegangen?
„Vor mir gab es niemanden, der sich diesem speziellen Bereich zugewandt hat. Viele Frauen fühlen sich in dieser Situation alleingelassen. Sie ringen mit ihrer Entscheidung, mit Schuldgefühlen, mit gesellschaftlichem Druck. Ich habe ihnen einen Raum gegeben, in dem sie sich öffnen konnten, ohne bewertet zu werden. Außerdem entschied ich mich, den Eltern anzubieten, ihre nach dem Schwangerschaftsabbruch totgeborenen Kinder zu segnen. Für die Eltern war das eine große Erleichterung und Hilfe in der Trauer. Jedoch stieß das nicht überall auf Akzeptanz… Erst als ich begründete, dass ich die Kinder, die ja nun einmal da waren und auch geliebt wurden, segnete und nicht den Abbruchsentschluss der Eltern, fand das breiteres Verständnis.“

Weil diese Arbeit für Frau Franchy-Kruppa alleine aber zu viel wurde, und nicht alle Betroffenen mit einer Pfarrerin sprechen wollten, nahm sie Kontakt mit der Schwangerschaftskonfliktberatung der Diakonie auf, um ein Beratungsangebot vor Ort zu schaffen. Nach einem Jahr Einsatz ihrerseits und mit der späteren maßgeblichen Unterstützung durch Prof. Anke Rohde, die damals Leiterin der gynäkologischen Psychosomatik und Psychoonkologie des UKB war und das Projekt außerordentlich unterstützte, gelang es erstmals deutschlandweit, in einem Klinikum eine Beratungsstelle für diese Frauen einzurichten.

Darüber hinaus gründete die Pfarrerin eine Trauergruppe für Eltern, die sich bewusst gegen das Weitertragen ihres Kindes entschieden hatten – eine Form der Unterstützung, die es bis dahin nicht gab. „Es war wichtig, dass diese Paare eine eigene Plattform hatten, um sich auszutauschen. Ihre spezifische Problematik und Trauer, die Entscheidung mit zu treffen, dass das behinderte Kind nicht leben soll, war nicht vergleichbar und nicht vereinbar mit anderen Gruppen, in denen der Verlust von Kindern, die sie auf andere Weise verloren hatten, im Mittelpunkt stand. Die Situation ist einfach eine ganz andere.“

„Krankenhausseelsorge beginnt mit Zuhören.“

Neben den ethischen Herausforderungen in der Pränataldiagnostik lag ihr Fokus immer auf dem direkten Kontakt mit den Patientinnen und Patienten.

UKB mittendrin: Was bedeutet Krankenhausseelsorge für Sie?
„Das A und O ist ein Satz aus der Bibel: ‚Ich war krank und ihr habt mich besucht.‘ Seelsorge bedeutet, für die Menschen da zu sein, ohne sie zu bewerten oder sofort eine Lösung anzubieten. Einfach da sein, zuhören, aushalten, was auf der Seele der Menschen liegt. Viele Ehrenamtliche habe ich darin geschult, genau das zu tun.“ Auch mit den Grünen Damen und Herren – einer ehrenamtlichen Krankenhausbesuchsgruppe – arbeitete sie immer eng zusammen und organisierte unter anderem Schulungen.

Für sie war immer wichtig: „Ich habe, bevor ich in ein Zimmer gegangen bin, in der Regel nicht mit Ärzten oder Pflegern darüber gesprochen, welche Krankheit die Person hat. Denn vielleicht will die Person gar nicht, dass über sie geredet wird, bevor wir eintreten. Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht die Krankheit.“

Ihr eigenes Verständnis von Sterben und Tod wurde bereits in der Kindheit geprägt, als sie miterlebte, wie ihr Vater als Pfarrer Sterbende begleitete. „Tod war bei uns kein Tabuthema. Ich erinnere mich an viele Gespräche in meiner Familie darüber, was es bedeutet, zu gehen und was bleibt. Diese Erfahrungen haben mich geprägt – und sie haben mir in meiner Arbeit geholfen.“

Bildunterschrift: Über 30 Jahre war Agnes Franchy-Kruppa in der Klinikseelsorge tätig

„Die Themen haben sich über die Jahre verändert.“

UKB mittendrin: Wie hat sich Ihre Arbeit über die letzten 30 Jahre verändert?
„Zum einen ist es heute selbstverständlich, dass auch Frauen als Pfarrerinnen arbeiten. Auch die große ethische Debatte über Schwangerschaftsabbrüche nach Pränataldiagnostik steht nicht mehr im Mittelpunkt. Die ethische Problematik aber bleibt, sowohl für die Betroffenen als auch für die begleitenden Ärzte und das eingebundene Pflegepersonal, wie z.B. Hebammen – auch diese Gruppe von Beteiligten habe ich begleitet und betreut. Außerdem merkt man, dass neue Themen hinzugekommen sind.“ Die Gesellschaft verändert sich, die Menschen werden älter, Familienstrukturen haben sich gewandelt, nicht jeder hat Kinder oder Enkel vor Ort, die die Pflege übernehmen können oder wollen. „Ich habe viel mit alten Menschen gesprochen, die gar nicht wussten, wie es für sie nach dem Krankenhausaufenthalt weitergeht.“

Dieses Thema beschäftigt die Pfarrerin auch im Privaten: Sie nimmt nach 31 Jahren Abschied, um sich um ihre pflegebedürftige Mutter zu kümmern.

UKB mittendrin: Haben Sie darüber hinaus weitere Pläne für den Ruhestand?
„Ja, ich möchte mir Zeit für mich nehmen. Mein Elternhaus, in dem ich auch lebe, steht mitten in der Natur, ich möchte viel wandern. Früher habe ich leidenschaftlich Basketball gespielt – fast hätte ich es in die rumänische Nationalmannschaft geschafft. Doch meine Eltern entschieden sich damals für die Auswanderung nach Deutschland. Das wird es jetzt nicht mehr werden, aber Bewegung tut gut, und ich freue mich auf lange Spaziergänge in der Natur. Außerdem habe ich viele Freunde und Verwandte, für die ich jetzt wieder mehr Zeit habe.“

Ein Abschied mit Dankbarkeit

Mit ihrem unermüdlichen Engagement hat Agnes Franchy-Kruppa die Krankenhausseelsorge am UKB geprägt. Sie hat Frauen eine Stimme gegeben, ethische Fragen mitgestaltet und unzähligen Menschen in schwierigen Momenten beigestanden. Auch wenn sie nun geht, ihre Spuren bleiben.

Danke, Agnes Franchy-Kruppa, für 31 Jahre Engagement in der Klinik-Seelsorge!

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