Direktor der Klinik für Thoraxchirurgie Prof. Joachim Schmidt im Interview
Prof. Joachim Schmidt ist Direktor der Klinik für Thoraxchirurgie am UKB, die sich konsequent zwischen Spitzenmedizin, Innovation und Ausbildung neu ausrichtet. Charakteristisch für seine Arbeit ist zudem ein standortübergreifendes Versorgungskonzept: Gemeinsam mit der Thoraxchirurgie am Helios Klinikum Bonn/Rhein-Sieg entsteht ein eng verzahnter Verbund aus universitärem Maximalversorger und regionaler Fachversorgung. Im Interview spricht Prof. Schmidt über die Weiterentwicklung dieses Netzwerks, den Einfluss von Robotik und KI auf die Thoraxchirurgie sowie darüber, wie sich klinische Abläufe künftig stärker digital unterstützen und effizienter gestalten lassen.
UKBmittendrin: Herr Professor Schmidt, Sie haben eine beeindruckende Laufbahn hinter sich. Wie sind Sie zur Thoraxchirurgie gekommen?
Prof. Schmidt: Ich habe Medizin in Marburg und in den USA studiert und dort auch promoviert. Meine klinische Laufbahn begann 2002 in Bonn in der Chirurgie. Nach einigen Jahren bin ich für Forschung noch einmal in die USA gegangen und anschließend nach Münster gewechselt.
Dort hat sich mein Fokus zunehmend in Richtung Thoraxchirurgie entwickelt. Besonders die Lungentransplantation war für mich ein entscheidender Impuls. Ich habe mich dann vollständig auf dieses Fach spezialisiert und habilitiert. 2016 bin ich schließlich nach Bonn als Chefarzt an das damalige Malteser Krankenhaus zurückgekehrt. Durch die 2020 geschlossene Kooperation zwischen dem UKB und dem zwischenzeitlich von Helios übernommenen Malteserkrankenhaus verantworte ich seitdem auch die Thoraxchirurgie am UKB.
UKBmittendrin: Sie arbeiten standortübergreifend. Wie funktioniert dieses Modell?
Prof. Schmidt: Man muss hier zwei Ebenen unterscheiden. Zum einen meine eigene standortübergreifende Tätigkeit als Chefarzt am Helios Klinikum und Direktor am UKB, zum anderen die Struktur unseres Lungenkrebszentrums als Kooperation mehrerer Häuser.
Im Lungenkrebszentrum arbeiten das Helios Klinikum Bonn, die Johanniter-Kliniken Bonn, das Helios Klinikum Siegburg und das UKB eng zusammen. In meiner Funktion als Leiter des Lungenkrebszentrums koordiniere ich gemeinsam mit den beteiligten Kliniken insbesondere die operativen Standorte.
Wichtig ist: Die einzelnen Fachdisziplinen wie Pneumologie, Onkologie oder Innere Medizin sind weiterhin an jedem Haus eigenständig aufgestellt. Gleichzeitig gibt es verbindende Strukturen – allen voran ein gemeinsames Tumorboard, in dem die Fälle interdisziplinär und standortübergreifend besprochen werden.
So entsteht ein Modell, das universitäre Spitzenmedizin mit regionaler Versorgung verzahnt: durch enge Abstimmung, gemeinsame Entscheidungsprozesse und klar definierte Rollen der einzelnen Standorte. Entscheidend ist dabei der Gedanke der Ergänzung statt Konkurrenz – jeder Partner bringt seine spezifischen Stärken ein, wodurch das gesamte Netzwerk leistungsfähiger wird als die Summe seiner Teile.
UKBmittendrin: Was hat sich durch diese Zusammenarbeit konkret verändert?
Prof. Schmidt: Wir konnten die Versorgung deutlich ausbauen und die Fallzahlen erheblich steigern. Gleichzeitig ist unsere Sichtbarkeit gewachsen – auch über die Region hinaus. Heute behandeln wir Patientinnen und Patienten aus ganz Deutschland. Das zeigt, dass sich diese enge Verzahnung auszahlt und eine echte Strahlkraft entwickelt.
UKBmittendrin: Ein zentrales Thema Ihrer Arbeit ist Innovation. Was ist gerade im Trend und wird am UKB eingesetzt?
Prof. Schmidt: Ein sehr gutes Beispiel ist der Einsatz eines hochmodernen roboter-assistierten Bronchoskopie-Systems, des sogenannten Ion. Damit können wir kleinste Veränderungen in der Lunge gezielt ansteuern und Gewebeproben entnehmen – deutlich präziser als mit bisherigen Verfahren.
Der große Vorteil für die Patientinnen und Patienten ist der Zeitgewinn: Früher war es häufig so, dass mehrere Untersuchungen notwendig waren und sich die Diagnose über Wochen hingezogen hat. Heute können wir in vielen Fällen Diagnostik und Therapie deutlich enger miteinander verzahnen – teilweise sogar in einem einzigen Eingriff. Das bedeutet: weniger Eingriffe, schnellere Klarheit und eine insgesamt schonendere Behandlung.
UKBmittendrin: Also, liegt die Zukunft der Thoraxchirurgie in Robotik und KI?
Prof. Schmidt: Definitiv. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, in der sich die Medizin grundlegend verändern wird. Robotik, bildgestützte Verfahren und künstliche Intelligenz werden unsere Arbeit zunehmend unterstützen. Dabei geht es nicht darum, Ärztinnen und Ärzte zu ersetzen, sondern ihre Arbeit effizienter zu machen – durch präzisere Informationen und bessere Entscheidungsgrundlagen.
Unser Anspruch ist es auch, neue Technologien wie Robotik, KI und digitale Assistenzsysteme nicht nur im klinischen Alltag zu nutzen, sondern ihre Entwicklung aktiv mitzugestalten. Wir verstehen uns dabei nicht als reine Anwender, sondern als Impulsgeber, die ihre Erfahrungen aus der unmittelbaren Patientenversorgung in die Weiterentwicklung einbringen. Nur so entstehen Lösungen, die wirklich zu den realen Herausforderungen im OP und in der Klinik passen. Entscheidend ist für uns die enge Verzahnung von klinischer Arbeit, Forschung und technologischer Entwicklung – im Sinne eines Clinical Scientists. Bei uns in Bonn zeigt sich das beispielsweise im BOSTER (Bonn Surgical Technology Center), unserem Standort am Bonner Bogen, wo genau diese Schnittstelle zwischen Medizin, Wissenschaft und Innovation gezielt gefördert wird. Hier werden neue Technologien entwickelt, getestet und gemeinsam mit klinischer Expertise weitergedacht – mit dem Ziel, sie möglichst schnell und sinnvoll in die Patientenversorgung zu überführen.
UKBmittendrin: Neben der Technologie spielt auch das Team eine entscheidende Rolle. Inwiefern?
Prof. Schmidt: Weil Technologie natürlich allein nicht ausreicht. Eine moderne Klinik braucht eine funktionierende Teamkultur. Wir setzen bewusst auf flache Hierarchien, kurze Wege und eine enge Zusammenarbeit. Jeder soll sich einbringen können und Verantwortung übernehmen. Gerade in einem hochkomplexen Fach ist es entscheidend, dass man sich aufeinander verlassen kann.
UKBmittendrin: Stichwort „New Work“: Wie verändert sich die Arbeitswelt in der Chirurgie?
Prof. Schmidt: Die Erwartungen haben sich deutlich gewandelt – insbesondere bei jüngeren Generationen. Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielen eine viel größere Rolle. Darauf müssen wir reagieren. Wir versuchen, ein Umfeld zu schaffen, das Spitzenmedizin ermöglicht und gleichzeitig individuelle Lebensentwürfe berücksichtigt. Das ist kein Widerspruch – im Gegenteil: Wenn Menschen gerne arbeiten, sind sie auch besser in dem, was sie tun.
UKBmittendrin: Das klassische Bild des Chirurgen wandelt sich – auch im Hinblick auf den Nachwuchs. Wie erleben Sie diese Entwicklung?
Prof. Schmidt: Wir sehen ganz klar, dass sich das Bild des klassischen Chirurgen verändert. Heute interessieren sich nicht nur viele hochqualifizierte junge Ärzte, sondern auch junge Ärztinnen für unser Fach – und das ist eine sehr positive Entwicklung.
Entscheidend ist, dass wir die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Wer gut ist, hat heute Optionen – und entscheidet sich nur für uns, wenn das Gesamtpaket stimmt: fachlich, menschlich und organisatorisch.
UKBmittendrin: Wie gelingt es Ihnen, komplexe Thoraxchirurgie so zu vermitteln, dass Studierende dafür begeistert werden?
Prof. Schmidt: Die Lehre ist für uns ein ganz zentraler Bestandteil – und sie geht weit über klassische Wissensvermittlung hinaus. Wir arbeiten viel mit immersiven Technologien, also etwa Mixed- oder Virtual-Reality-Modellen, bei denen wir Bilddaten so aufbereiten, dass wir sie in einer Art gemischter Realität direkt auf den Patienten übertragen können. Das sind zwar noch experimentelle Ansätze, aber sie helfen enorm dabei, komplexe Abläufe sichtbar und nachvollziehbar zu machen und wissenschaftliche Ideen unmittelbar in die Praxis zu übersetzen.
Wenn Studierende sehen, dass daraus ein echter Mehrwert für die Patientinnen und Patienten entsteht, ist das oft genau der Moment, in dem Interesse zu echter Begeisterung wird. Entscheidend ist dabei weniger die Technik allein, sondern die Faszination des Faches selbst: die Verbindung aus Anatomie, Physiologie, operativer Präzision und moderner Technologie.
Am Ende geht es darum, genau diese Faszination zu vermitteln. Die Thoraxchirurgie ist sehr anspruchsvoll, aber sie bietet eine enorme Tiefe und Sinnhaftigkeit – und wenn das sichtbar wird, gewinnt man auch Menschen für dieses Fach.
UKBmittendrin: Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Arbeitsalltag?
Prof. Schmidt: Eine sehr zentrale – weit über einzelne Tools hinaus. Im Kern geht es darum, klinische Abläufe neu zu denken und dort zu entlasten, wo heute noch viel Zeit durch Dokumentation und Administration verloren geht.
Ein großer Bereich ist die Dokumentation. Viele Prozesse, die heute noch manuell erfasst werden, lassen sich künftig durch Sprachmodelle und KI deutlich vereinfachen – etwa Visiten, OP-Berichte oder Verlaufsdokumentationen, die direkt aus dem klinischen Handeln strukturiert entstehen könnten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der bessere Zugang zu Daten. Informationen liegen heute oft verteilt in verschiedenen Systemen. Unser Ziel ist es, sie so aufzubereiten, dass sie im Alltag schnell und intuitiv nutzbar sind.
Zudem setzen wir digitale Werkzeuge bereits in der Patientenbegleitung ein – etwa über Apps, die durch den gesamten Behandlungsprozess führen, an Maßnahmen erinnern und die Nachsorge unterstützen.
Langfristig geht es darum, den gesamten Patientenpfad digital zu begleiten – von der Diagnostik bis zur Nachsorge. Wenn uns das gelingt, gewinnen wir vor allem eines zurück: Zeit für die Patientinnen und Patienten und für die eigentliche medizinische Arbeit.
Digitalisierung ist deshalb kein Zusatz, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Medizin – mit dem Ziel, Qualität zu verbessern und Arbeitsbelastung zu reduzieren.
UKBmittendrin: Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wo soll die Thoraxchirurgie und das Lungenkrebszentrum in Bonn in 10 bis 15 Jahren stehen?
Prof. Schmidt: Unser Ziel ist, die Thoraxchirurgie in Bonn als eines der führenden Zentren in Deutschland zu positionieren. Wir gehören bereits heute zu den führenden Einrichtungen – aktuell auch gemessen an den Fallzahlen – und wollen uns perspektivisch unter den Top 3 etablieren. Entscheidend sind dabei nicht nur Größe und Fallzahlen, sondern vor allem Qualität, Innovationskraft und internationale Sichtbarkeit.
Ein wichtiger Baustein ist unser Verbundmodell aus universitärer Spitzenmedizin und regionaler Versorgung, das wir weiter ausbauen und stabilisieren wollen. So stellen wir sicher, dass Patientinnen und Patienten unabhängig vom Standort auf gleich hohem Niveau behandelt werden.
Klinisch sehen wir die Zukunft klar in minimal-invasiven und robotischen Verfahren, ergänzt durch KI-gestützte Systeme für Diagnostik, Planung und operative Unterstützung. Ziel ist es, Eingriffe sicherer, präziser und effizienter zu machen.
Wissenschaftlich ist unser Anspruch, Entwicklungen in KI, Robotik und digitaler Medizin aktiv mitzugestalten und international sichtbar zu bleiben – auch durch die Ausbildung des eigenen Nachwuchses.
Bei aller Technologie bleibt für mich aber entscheidend: eine starke Teamkultur und ein Umfeld, in dem Menschen sich entwickeln und gemeinsam an einem Ziel arbeiten.
UKBmittendrin: Was motiviert Sie persönlich in Ihrem Beruf?
Prof. Schmidt: Am Ende sind es sehr persönliche Momente, die für mich die größte Motivation sind. Wenn man nach einer schweren Operation erlebt, dass Patientinnen und Patienten ein Jahr später gesund zurück ins Leben gefunden haben – und einem dann wie in einem Fall etwa einen kleinen Koffer mit fast 100 Dankesbriefen aus ihrem gesamten Umfeld überreicht wird – dann wird sehr unmittelbar klar, worum es eigentlich geht. Oder wenn Eltern eines operierten Kindes ein Fotoalbum schicken, das den Weg von der Intensivstation bis zu einem ganz normalen Alltag zeigt, etwa wie das Kind ein Jahr später Fahrrad fahren lernt.
Solche Erlebnisse sind für mich entscheidend. Denn wenn man daraus keine Kraft ziehen kann, dann verlieren auch alle anderen Aspekte des Berufs – die wissenschaftlichen Projekte, die Leitungsfunktionen oder die strukturellen Entwicklungen – ihre eigentliche Bedeutung. Sie sind wichtig und reizvoll, aber der Kern bleibt die unmittelbare Wirkung für die Menschen.