Johanna Filgertshofer über Vorbereitung, Verantwortung und Realität im Ernstfall
Ein simulierter Brand auf der Intensivstation, mehrere Patientinnen und Patienten, die innerhalb weniger Minuten verlegt werden müssen, parallel laufende Alarmierungsprozesse: Bei einer Alarmierungs- und Evakuierungsübung im Februar wurde am Universitätsklinikum Bonn (UKB) sichtbar, worauf es im Ernstfall ankommt.
Was dabei geprobt wurde, folgt klaren Abläufen: Patient*innen werden gesichtet, für den Transport vorbereitet und in sichere Bereiche verlegt – während gleichzeitig Entscheidungen auf Leitungsebene getroffen werden. Szenarien wie ein IT-Ausfall, ein Massenanfall von Verletzten oder die Evakuierung ganzer Bereiche sind selten, aber jederzeit möglich.
Damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt, wird am UKB kontinuierlich geplant, geübt und weiterentwickelt. Seit einem Jahr gestaltet Johanna Filgertshofer diese Prozesse als stellvertretende Leitung im Krisenmanagement und Fachkoordinatorin für Zivilschutz und Evakuierung in der Stabsstelle Arbeits- und Umweltschutz, Brandschutz mit – in einem Aufgabenfeld, das im Alltag meist unsichtbar bleibt, im Ernstfall aber entscheidend ist.
UKBmittendrin: Wie kam es zu dieser spannenden Position?
J. Filgertshofer: Mein Einstieg war der Rettungsdienst. Dort habe ich schnell gemerkt, dass mich vor allem die Abläufe im Hintergrund interessieren – also die Frage, wie Einsätze organisiert und gesteuert werden. Besonders bei größeren Schadenslagen fand ich es spannend zu sehen, wie viele Akteure strukturiert zusammenarbeiten und wie ineinandergreifende Prozesse am Ende den Unterschied machen.
Dieser Blick auf das große Ganze hat mich dazu motiviert, mich fachlich weiterzuentwickeln. Ich habe Internationale Not- und Katastrophenhilfe studiert, in Berlin und später in Wien Risikoprävention und Katastrophenmanagement, und parallel in verschiedenen Bereichen gearbeitet, unter anderem in der Pflege als Erste-Hilfe-Ausbilderin und als Honorardozentin beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
UKBmittendrin: Was sind heute Ihre Aufgaben am UKB?
J. Filgertshofer: Mein Schwerpunkt liegt in der strategischen Weiterentwicklung von Evakuierungs- und Krisenkonzepten. Im Bereich Evakuierung übernehme ich die Koordination und die Frage, welche Konzepte priorisiert und wie sie weiterentwickelt werden.
Gleichzeitig bin ich im Zivilschutz tätig und fungiere hier auch als Schnittstelle, etwa bei Fragestellungen mit militärischem Bezug. Ein Schwerpunkt ist hier beispielsweise der Ausbau der psychosozialen Notfallversorgung, bei dem zusätzliche Unterstützungsstrukturen aufgebaut werden.
Kurz gesagt: Unser Team schafft die Grundlagen dafür, dass das UKB auch in außergewöhnlichen Lagen handlungsfähig bleibt.
UKBmittendrin: Wie lässt sich Ihre Arbeit im Alltag beschreiben?
J. Filgertshofer: Einen klassischen Alltag gibt es in diesem Bereich nicht. Unsere Arbeit orientiert sich am Katastrophenmanagement-Zyklus: Vorsorge, Vorbereitung, Bewältigung und Wiederherstellung.
In der Vorbereitung entwickeln wir Konzepte wie den Krankenhausalarm- und Einsatzplan und übersetzen diese in Übungen und Schulungen. Dabei geht es darum, dass im Ernstfall jeder weiß, was zu tun ist – auch unter Druck.
Parallel trainieren wir Entscheidungsprozesse, insbesondere in den Leitungsstrukturen. Nach Übungen oder realen Ereignissen werden die Erfahrungen ausgewertet und fließen direkt wieder in die Weiterentwicklung ein. Dieser Kreislauf ist zentral für unsere Arbeit.
UKBmittendrin: Kann man sich auf Krisen überhaupt richtig vorbereiten?
J. Filgertshofer: Zu einem großen Teil ja. Viele Abläufe lassen sich im Vorfeld planen und trainieren. Die eigentliche Herausforderung liegt in der konkreten Situation – wenn Informationen unvollständig sind und dennoch Entscheidungen getroffen werden müssen. Dann kommt es darauf an, Prioritäten zu setzen und mit den vorhandenen Mitteln handlungsfähig zu bleiben.
UKBmittendrin: Hat das Thema in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen?
J. Filgertshofer: Ja, definitiv. Ich kann dazu allerdings nur aus meiner Rolle hier am UKB sprechen.
Grundsätzlich sehen wir, dass Bedrohungslagen komplexer werden – etwa durch Cyberangriffe oder andere hybride Risiken. Gesundheitseinrichtungen gehören dabei zu den sensiblen Bereichen.
UKBmittendrin: Sie arbeiten in einem anspruchsvollen Bereich und haben Familie. Wie gelingt es, beides zu verbinden?
J. Filgertshofer: (lacht) Die Frage wird häufig gestellt – und interessanterweise meist Frauen. Ein Mann mit Kind wird das eher selten gefragt, da wird oft selbstverständlich davon ausgegangen, dass sich alles „irgendwie“ organisiert.
Unabhängig davon habe ich durch mein Kind gelernt, Prioritäten klarer zu setzen. Zeit ist eine knappe Ressource – und man nutzt sie bewusster. Das hilft mir auch im Job.
Ganz entscheidend ist die Partnerschaft: Mein Partner und ich unterstützen uns gegenseitig. Nur so funktioniert es. Jeder hat die Chance, selbstwirksam in seinem Beruf zu agieren. Ich bin neben diesem Job am UKB auch noch als Reservistin bei der Bundeswehr tätig. Um das zu ermöglichen, müssen wir uns intensiv abstimmen.
Hilfreich ist auch, dass am UKB flexiblere Arbeitsformen möglich sind. Gerade das Homeoffice ist für konzeptionelle Arbeit ein großer Vorteil: Man kann konzentrierter arbeiten und es spart gleichzeitig Wegezeiten. Das erleichtert die Organisation im Alltag spürbar.