Neuer Leiter Prof. Kristian Welle über seinen Werdegang, Hightech in der Chirurgie und die Zukunft der Ausbildung

UKBmittendrin: Herr Prof. Welle, Sie sind neuer Ärztlicher Leiter der Unfallchirurgie, Hand- und plastisch-rekonstruktiver Unfallchirurgie am UKB. Was hat Sie ursprünglich zur Medizin und speziell zur Unfallchirurgie gebracht?
Prof. K. Welle: Schon früh war für mich klar, dass ich Medizin studieren möchte, um Funktionen wiederherzustellen – also konkret zu reparieren, was durch Verletzungen verloren geht. Die Unfallchirurgie bietet genau das: Man kann oft mit einem gezielten Eingriff erreichen, dass Menschen wieder greifen, gehen oder ihren Alltag bewältigen können. Diese unmittelbare Wirkung und das sichtbare Ergebnis sind für mich bis heute die größte Motivation.
UKBmittendrin: Ihr Weg in die Medizin verlief nicht ganz klassisch – Sie haben auch Informatik studiert. Wie passt das zusammen?
Prof. K. Welle: Ich habe über die Bundeswehr studiert und parallel früh ein starkes Interesse an Informatik und Medizintechnik entwickelt. Mich hat immer die Schnittstelle fasziniert: Wie können wir Technik nutzen, um Funktionen des Körpers zu ersetzen oder zu verbessern – etwa bei Lähmungen oder nach Amputationen? Ich habe mich auch bewusst mit Themen wie Prothesensteuerung und neuronalen Schnittstellen beschäftigt. Letztlich habe ich mich aber klar für die klinische Medizin entschieden, weil mir der direkte Kontakt zum Patienten und die Möglichkeit, konkret zu helfen, gefehlt hätten.
UKBmittendrin: Sie haben auch im Bereich neuronaler Implantate gearbeitet. Was hat Sie daran besonders geprägt?
Prof. K. Welle: Wir haben Implantate eingesetzt, die Nerven stimulieren und so gelähmte Muskeln wieder aktivieren können. Das hat bei vielen Patientinnen und Patienten hervorragend funktioniert. Besonders eindrücklich ist, dass sich einige dieser Menschen noch heute melden, weil diese Technologie für sie einen enormen Unterschied gemacht hat. Das zeigt, welches Potenzial in solchen Ansätzen steckt – aber auch, wie wichtig es ist, Innovationen langfristig verfügbar zu machen.
UKBmittendrin: Welche Rolle spielte Ihre Zeit bei der Bundeswehr für Ihre Entwicklung als Chirurg?
Prof. K. Welle: Eine sehr große. Dort wird man zunächst breit ausgebildet – als Generalist. Man lernt, in jeder Situation handlungsfähig zu sein, egal ob Kopf-, Bauch- oder Extremitätenverletzung. Diese breite Basis hilft mir bis heute. Auch wenn wir am UKB stark spezialisiert arbeiten, ist es extrem wertvoll, die Zusammenhänge zu verstehen und in komplexen Situationen schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen.
UKBmittendrin: Was reizt Sie besonders an der Hand- und rekonstruktiven Chirurgie?
Prof. K. Welle: Es ist die Kombination aus Präzision, Funktion und oft auch Kreativität. Wir arbeiten mit sehr feinen Strukturen – Nerven, Sehnen, Muskeln – und können durch sogenannte Ersatzplastiken Funktionen neu „verdrahten“. Gerade bei Kindern ist das faszinierend: Das Gehirn passt sich extrem schnell an. Man sieht manchmal schon kurz nach einer Operation, wie eine zuvor gelähmte Hand plötzlich wieder Bewegungen ausführen kann. Das sind Momente, die man nicht vergisst.
UKBmittendrin: Sie engagieren sich auch international, etwa in Afrika. Was nehmen Sie aus diesen Einsätzen mit?
Prof. K. Welle: Sehr viel. Man arbeitet dort mit deutlich weniger Ressourcen, muss sich auf das Wesentliche konzentrieren und kreative Lösungen finden. Gleichzeitig relativiert das den eigenen Alltag enorm. Wenn man erlebt, dass Operationen manchmal an fehlendem Material scheitern, bekommt man eine ganz andere Perspektive auf unser Gesundheitssystem – und auch auf den Umgang mit Ressourcen.
UKBmittendrin: Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Ausbildung junger Ärztinnen und Ärzte. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?
Prof. K. Welle: Das größte Problem ist Zeit. Durch Arbeitszeitregelungen und steigende Dokumentationspflichten bleibt deutlich weniger Zeit im OP als früher. Gleichzeitig erwarten wir – zu Recht –, dass Operateurinnen und Operateure perfekt ausgebildet sind. Dieses Spannungsfeld müssen wir lösen.
UKBmittendrin: Sie arbeiten an einer technologischen Lösung dafür. Worum geht es konkret?
Prof. K. Welle: Wir entwickeln ein System, mit dem Operationen realitätsnah in einer virtuellen Umgebung trainiert werden können – inklusive haptischem Feedback. Das Projekt heißt VIRTOSHA. Man sieht nicht nur, was man tut, sondern fühlt es auch. Das Besondere ist, dass wir reale OP-Situationen simulieren können – mit unterschiedlichen Patienten, Knochenqualitäten oder Verletzungen. So lassen sich Eingriffe vielfach trainieren, bevor man sie am echten Patienten durchführt. Ich bin überzeugt, dass solche Systeme die chirurgische Ausbildung grundlegend verändern werden.
UKBmittendrin: Auch in der klinischen Forschung setzen Sie auf Innovationen – etwa bei minimal-invasiven Verfahren. Was ist hier Ihr Ansatz?
Prof. K. Welle: Ein Beispiel ist die Versorgung komplexer Beckenfrakturen. Klassisch erfordern diese Eingriffe große Zugänge und das Durchtrennen von Muskulatur. Wir haben Techniken entwickelt, mit denen wir über sehr kleine Schnitte operieren können, ohne Muskeln zu zerstören. Das führt zu weniger Blutverlust, schnelleren Operationen und vor allem zu einer deutlich besseren Erholung der Patientinnen und Patienten.
UKBmittendrin: Welche Rolle spielen Robotik und Künstliche Intelligenz in Ihrem Fachgebiet?
Prof. K. Welle: Eine zunehmend wichtige. Navigation, Robotik und KI werden viele Eingriffe präziser und sicherer machen. Wir arbeiten daran, diese Technologien nicht nur anzuwenden, sondern aktiv weiterzuentwickeln – etwa in der Diagnostik, bei der OP-Planung und perspektivisch auch in der Therapie.
UKBmittendrin: Wo sehen Sie die Unfallchirurgie am UKB in den kommenden Jahren?
Prof. K. Welle: Wir sind bereits heute in vielen Bereichen sehr gut aufgestellt. In Zukunft wird es noch stärker um Spezialisierung gehen. Unser Ziel ist, für bestimmte Krankheitsbilder und Verletzungen so viel Expertise zu bündeln, dass wir national und international zu den führenden Zentren gehören.
UKBmittendrin: Was ist Ihnen als Führungskraft besonders wichtig?
Prof. K. Welle: Ein wertschätzender Umgang im Team ist für mich zentral. Ein absolutes No-Go ist jede Form von persönlicher Abwertung – unabhängig von Position oder Funktion. Gleichzeitig versuche ich, individuell zu führen: Ein junger Assistenzarzt braucht eine andere Anleitung als eine erfahrene Oberärztin. Entscheidend ist, dass sich alle weiterentwickeln können.
UKBmittendrin: Was treibt Sie persönlich an?
Prof. K. Welle: Der Wunsch, für jeden Patienten die bestmögliche Lösung zu finden – individuell und auf höchstem Niveau. Und genauso wichtig: die nächste Generation auszubilden. Wenn wir es schaffen, junge Kolleginnen und Kollegen so zu fördern, dass sie in ihrem Bereich exzellent werden, dann ist das der größte nachhaltige Erfolg.
UKBmittendrin: Zum Schluss: Wie schaffen Sie Ausgleich zum Klinikalltag?
Prof. K. Welle: Ehrlich gesagt: Zeit ist der limitierende Faktor. Wenn es geht, verbringe ich sie mit meiner Familie. Ansonsten beschäftige ich mich viel mit Technik und neuen Ideen. Und wenn wirklich Zeit bleibt, arbeite ich gern praktisch – früher an Autos, heute eher allgemein am „Reparieren“. Das passt ganz gut zu meinem Beruf.