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Dunkel Hell

Interview mit Christina Böhm, Prodekanat für Nachhaltigkeit der Medizinischen Fakultät

von Elena Hachem

Eine nachhaltige und gesunde Lebensweise zu führen, ist für die Lebensqualität der Menschen von essentieller Bedeutung und eine täglich bewusste Entscheidung, die sie für sich und ihre Umwelt treffen können. Bereits in der Schwangerschaft können diese eine Rolle für das heranwachsende neue Leben spielen – im Alltag mit Baby geht es dann häufig darum, gemeinsam abzuwägen, was für die eigene Familie funktioniert und wie Nachhaltigkeit auch unter den neuen Bedingungen weitergelebt werden kann. Doch in einer Lebensphase, die für werdende Mütter gleichzeitig auch intensive körperliche, emotionale und organisatorische Veränderungen bedeutet, kann das Thema Nachhaltigkeit bei all den neuen Entscheidungen und Ansprüchen für das Kind, schnell überfordernd oder auch zweitrangig wirken. Für Christina Böhm aus dem Prodekanat für Nachhaltigkeit der Medizinischen Fakultät war dies seit ihrer Schwangerschaft in 2024 ein Balanceakt, dem sie sich tagtäglich bewusst für ihr Kind gestellt hat und bei der sie in ihrer Rolle als Mutter noch bis heute reichliche Erfahrungen sammelt. Wie kann Nachhaltigkeit niederschwellig und realistisch im Alltag gelingen – ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen? Und muss sie überhaupt perfekt gelebt werden, damit sie langfristig tragfähig bleiben kann?

Das gemeinsame Leben mit Baby sollte idealerweise auch nachhaltig gedacht werden – aber ist das nicht ein Widerspruch bei all den Anschaffungen und besonderen Umständen in einer solchen Phase?

C. Böhm: Auf den ersten Blick vielleicht. Babys bringen natürlich reichlich Organisation, Anschaffungen und oft einen Ausnahmezustand mit sich, dem man sich jeden Tag aufs Neue stellt. Gleichzeitig ist es aber auch eine Phase bewusster Entscheidungen, die getroffen werden können, weil alles neu ist.

Für mich war wichtig: Nachhaltigkeit darf kein zusätzlicher Stressfaktor sein. „Gut genug nachhaltig“ ist langfristig tragfähiger als ein perfektionistischer Anspruch, der dem Alltag mit Kind nicht standhält.

2024 sind sie nun zum ersten Mal Mutter geworden. Wo haben Sie in Sachen Nachhaltigkeit für Ihr Neugeborenes konkret angesetzt?

C. Böhm: Ein großes Thema sind natürlich die Anschaffungen. Mir wurde schnell klar: Man braucht eigentlich deutlich weniger als Marketing und Umfeld suggerieren, und nicht alles muss immer neu gekauft werden. Ich habe vieles secondhand gekauft und später weitergegeben – Kleidung, Kinderwagen, Spielzeug. Babys wachsen so schnell, dass manche Dinge sowieso kaum genutzt werden. Im Freundeskreis haben wir zusätzlich getauscht – unkompliziert und ressourcenschonend, denn oftmals findet man das Notwendige bereits im nahen Umkreis oder unter Gleichgesinnten.

Einzelne Möbelstücke fürs Kinderzimmer haben wir einfach upgecycelt, statt neu zu kaufen. Das hat nicht nur Material und Geld gespart, sondern auch Spaß gemacht und Raum für Kreativität gelassen, um etwas ganz Individuelles zu schaffen. Außerdem half eine vorbereitete Geschenkliste enorm, gut gemeinte, aber unnötige Geschenke für das Kind zu vermeiden und größere Anschaffungen besser abzustimmen. Viele Alltagsgegenstände sind für Babys ohnehin spannender als klassisches Spielzeug, und auch einfache, selbstgemachte Dinge können denselben Zweck erfüllen – vorausgesetzt, sie sind sicher.

Bei der Versorgung und Erziehung des Kindes ist das Thema Ernährung oft ein sensibles Thema, bei dem die Meinungen auseinandergehen. Wie kann auch hier Nachhaltigkeit gedacht und bewusst im Alltag mit Kind umgesetzt werden?

C. Böhm: Das Stillen ist in der ersten Zeit sicherlich die ressourcenschonendste Form der Ernährung – zugleich ist es bei manchen Eltern nicht immer planbar oder gewünscht. Wenn es nicht möglich ist, halte ich es für wichtig, Alternativen mitzudenken, etwa die Nutzung einer Milchbank anstelle ausschließlich industriell hergestellter Säuglingsnahrung, um Ressourcen zu schonen. Auch hier am Uniklinikum im ELKI gibt es beispielsweise eine solche Milchbank, die in Anspruch genommen werden kann.

Später haben wir die Beikost für unser Kind teils selbst zubereitet und teils Bio-Gläschen genutzt – bewusst, aber ohne Perfektionsanspruch und vor allem mit Blick auf den zusätzlichen Verpackungsaufwand, der reduzierbar ist. Inzwischen isst unser Kind überwiegend vom Familientisch mit – hier auch möglichst regional und saisonal.

Außerdem waren selbstgekochte Mahlzeiten von Freund*innen und Familie – etwa als „Geburtsgeschenk“ – im Wochenbett für uns als Eltern eine große Entlastung. Auch das ist für mich gelebte Nachhaltigkeit: praktische Unterstützung im Alltag, die sich unmittelbar umsetzen lässt.

Das Leben mit seinem ersten Neugeborenen ist zu Beginn vor allem überwältigend und meist entgegen aller Erwartungen, die man noch vor der Geburt hatte. Viele Entscheidungen, die zum ersten Mal getroffen werden müssen, zahlreiche Erfahrungswerte und Meinungen, was richtig und was falsch sei, ein neuer und oftmals kaum planbarer Lebensalltag, einhergehend mit dem Anspruch, das Kind bestmöglich aufzuziehen. Gab es für Sie Bereiche, in denen Nachhaltigkeit schwerer umzusetzen war, als Sie vielleicht annahmen?

C. Böhm: Ja, auf jeden Fall. Das Konzept von Stoffwindeln halte ich grundsätzlich für sehr sinnvoll, ebenso wie waschbare Feuchttücher, um den hohen Verbrauch von Einwegprodukten einzudämmen. In unserem Alltag hat sich jedoch schnell gezeigt, dass die Umsetzung deutlich aufwendiger war als erwartet – insbesondere durch die vielen zusätzlichen Waschmaschinenladungen und die neue Alltagsdynamik mit Baby. Leider gibt es in unserer Gegend auch keinen Stoffwindel-Service, der diese Aufgabe für Familien übernimmt. Eine solche Option wäre für uns sonst eine gute Möglichkeit gewesen, auch langfristig auf Stoffwindeln umzustellen.

Neben Windeln gehören leider auch viele andere Einwegprodukte, wie zum Beispiel Feuchttücher, üblicherweise zu den meist benötigten Dingen für ein Baby. Stattdessen nutzen wir Waschlappen und greifen nur unterwegs bei Bedarf auf Einwegprodukte in möglichst nachhaltigen Varianten zurück. Außerdem haben wir früh mit dem Töpfchen begonnen, was inzwischen gut funktioniert und den Windelbedarf zusätzlich reduziert.

Ein Spannungsfeld zeigte sich auch bei der Geburt: Auch im hebammengeleiteten Kreißsaal habe ich mich – entgegen meinem persönlichen Ideal einer Geburt ohne Interventionen – bewusst für medizinische Maßnahmen entschieden, weil es in dem Moment die richtige und verantwortungsvolle Entscheidung für mein Kind und mich war. Gelernt habe ich, flexibel zu bleiben und Entscheidungen an die Realität anzupassen.

Welche Rolle spielt die soziale Nachhaltigkeit?

C. Böhm: Eine sehr große, wie ich finde. Für mich gehört dazu, die Elternzeit partnerschaftlich aufzuteilen und Verantwortung bewusst zu verhandeln. Nachhaltigkeit ist nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: Wer trägt Care-Arbeit? Wer reduziert Arbeitszeit? Wer übernimmt mentale Last?

Gerade rund um Geburt und Elternzeit verfestigen sich Rollenbilder schneller, als man denkt. Diese Fragen im Dialog zu klären, halte ich für entscheidend. Denn auch wenn das eigene Kind natürlich eine wunderschöne Bereicherung ist, steckt trotzdem auch viel Arbeit im Alltag dahinter, die sichtbar gemacht werden sollte.

Trotz der Komplexität des Themas Nachhaltigkeit, ist die Auseinandersetzung damit von hoher Relevanz für Kind und Umwelt. Was würden Sie anderen Eltern mitgeben, damit auch die Umsetzung gelingen kann?

C. Böhm: Sich nicht unter Druck setzen zu lassen – weder von Nachhaltigkeitsidealen noch von Konsumerwartungen. Gerade rund um ein Baby ist der Anspruch hoch, alles „richtig“ und besonders bewusst machen zu wollen, auch im Umfeld reden viele plötzlich mit und unterschiedlichste Meinungen prallen aufeinander. Aber bei all den wichtigen Entscheidungen, die man tagtäglich für sein Kind treffen wird, kann nicht immer alles perfekt gelingen und man sollte nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen. Meiner Meinung nach ist „gut genug nachhaltig“ langfristig wirksamer als Perfektionismus. Nicht alles muss von Anfang an optimiert sein, vieles darf sich erst mit dem Baby entwickeln. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit in dieser Phase vor allem: bewusst handeln, ohne sich selbst zu überfordern. Denn nur was langfristig tragfähig ist, ist wirklich nachhaltig – ökologisch wie sozial.

Gerade in Schwangerschaft und Babyzeit können wir dafür eine besondere Grundlage legen: Indem wir Nachhaltigkeit im Alltag authentisch vorleben, kann sie für unser Kind ganz selbstverständlich werden – als etwas, das es später nicht nur übernimmt, sondern auch selbst reflektiert und eigenständig weiterdenkt.

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Prodekanat für Nachhaltigkeit der Medizinischen Fakultät

E-Mail: prodekanat.nachhaltigkeit@ukbonn.de

Telefon: +49 228 287-19211

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