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Dunkel Hell


„Wir müssen den weiblichen Körper endlich verstehen – nicht einfach Männer als Maßstab nehmen“

Dr. Tal Pecht ist Forscherin an der Universität Bonn mit dem Schwerpunkt female health, Immunologie und moderne Single-Cell‑Analysen und Junior Group Leaderin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). In unserem Interview spricht sie über den blinden Fleck in der medizinischen Forschung, der bis heute dazu führt, dass die „normale“ Biologie meist am männlichen Körper definiert wird. Sie erläutert, warum Frauen in Studien lange unterrepräsentiert waren, welche Auswirkungen das auf Diagnose und Behandlung hat und welche Rolle Hormone und Immunsystem dabei spielen. Außerdem erklärt Dr. Pecht, was ihre eigenen überraschenden Forschungsergebnisse über das Immunsystem im Menstruationszyklus bedeuten und wie eine wirklich geschlechtersensible Medizin aussehen müsste.

UKBmittendrin: Die Gender Health Gap erhält zunehmend Aufmerksamkeit – wo sehen Sie die größten blinden Flecken in der aktuellen medizinischen Forschung?

Dr. Pecht: Der größte blinde Fleck liegt in der Art und Weise, wie Forschung gestaltet wird. Geschlecht und Gender werden immer noch nicht von Anfang an konsequent berücksichtigt. Viele Studien schließen sowohl Männer als auch Frauen ein, analysieren jedoch keine Unterschiede oder sind nicht dafür ausgelegt, diese Unterschiede zu erkennen.

Ein weiterer großer Mangel liegt in der Umsetzung. Wir wissen bereits, dass sich Frauen und Männer in Immunantworten, Medikamentenstoffwechsel und Krankheitsrisiken unterscheiden. Dieses Wissen wird jedoch nur selten in Behandlung, Dosierung oder Präventionsstrategien überführt. Auch die Finanzierung ist ungleich. Krankheiten, die vorwiegend Frauen betreffen, insbesondere chronische Erkrankungen, bleiben unterfinanziert. Das begrenzt den Fortschritt bei Diagnose und Behandlung. Schließlich betrachtet die Forschung oft das biologische Geschlecht isoliert. In Wirklichkeit wird Gesundheit von vielen Faktoren beeinflusst, einschließlich Alter, Hormonen und sozialen Bedingungen. Diese Ebenen sind in der Studienplanung nach wie vor nicht ausreichend miteinander verknüpft.

UKBmittendrin: Warum wissen wir immer noch so wenig über den „gesunden“ weiblichen Körper im Vergleich zum männlichen Körper?

Dr. Pecht: Die Lücke hat historische Ursachen. Frauen wurden jahrzehntelang von klinischen Studien ausgeschlossen, insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter. Dies folgte auf große Arzneimittelsicherheitsskandale, wie dem Wirkstoff Thalidomid, das schwere Fehlbildungen verursachte. Um Schaden zu vermeiden, beschränkten Vorschriften die Teilnahme von Frauen an frühen Forschungsphasen. Obwohl gut gemeint, entstand dadurch eine große Wissenslücke. Die politische Wende in den 1990er-Jahren, insbesondere mit dem NIH-Inklusionsmandat, war ein wichtiger Schritt. Der Wandel verlief jedoch langsam. Es gibt auch praktische Herausforderungen: Die Untersuchung von Frauen erfordert oft die Berücksichtigung hormoneller Zyklen, Schwangerschaft und Menopause. Dies macht Forschung komplexer, aber auch notwendiger. Infolgedessen basiert das, was wir als „normale“ Biologie definieren, noch immer häufig auf männlichen Daten. Dies beeinflusst, wie wir Gesundheit, Risiko und Krankheit bei Frauen verstehen. Viele aktuelle Studien stützen sich zudem auf ältere Daten, wodurch die Lücke fortbesteht.

Auch wenn man diese logischen Aspekte berücksichtigt, ist es wichtig zu erkennen, dass soziale Normen und gesellschaftliche Strukturen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Verstärkung dieser Lücken gespielt haben. Sie haben das Bild von Frauen und ihren Körpern geprägt und zur sogenannten Gender Data Gap beigetragen (mehr dazu im Buch Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert von Caroline Criado-Perez).

Aus diesem Grund hat meine Gruppe auch mehrere Veranstaltungen unter dem Namen „Femmunity Café“ organisiert, um Gespräche über Menstruationszyklen und Frauengesundheit zu normalisieren, Erfahrungen sichtbar zu machen und Wissenslücken gezielt zu schließen.

UKBmittendrin: Ihre Forschung konzentriert sich auf den Menstruationszyklus und das Immunsystem – was sind die zentralen Fragestellungen?

Dr. Pecht: Wir untersuchen, wie der Menstruationszyklus das Immunsystem im Blut beeinflusst. Frühere Studien deuten darauf hin, dass sich das Immunsystem im Verlauf des Zyklus‘ verändern könnte, allerdings gibt es bisher nur wenige Daten dazu. Deshalb möchten wir diese Zusammenhänge genauer untersuchen – mithilfe modernster Technologien zur Immunanalyse am ImmunoSensation3.

Gemeinsam mit Jr. Prof. Marie-Christine Simon von der Universität Bonn habe ich die Femmunity-Studie initiiert. In dieser Studie analysieren wir das Immunsystem im Blut zu verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus‘. Derzeit arbeiten wir an der Auswertung der Ergebnisse.

Wir haben eine große und sehr detaillierte Datengrundlage erzeugt und nutzen computergestützte Ansätze, um komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen. Erste Ergebnisse zeigen, dass selbst bei gesunden jungen Menschen die Immunprofile individuell unterschiedlich sein können. Gleichzeitig beobachten wir weniger zyklusbedingte Veränderungen als erwartet – über die normalen täglichen Schwankungen des Immunsystems hinaus.

Unser Ziel ist es, eine verlässliche Grundlage zu schaffen, indem wir das periphere Blutimmunsystem bei gesunden jungen Personen mit regelmäßigen („lehrbuchmäßigen“) Menstruationszyklen untersuchen. So können wir besser verstehen, was als „normal“ gilt – und was bei Erkrankungen abweicht.

UKBmittendrin: Welche Rolle spielen Stoffwechsel und Hormone bei der Erklärung, warum Frauen und Männer Krankheiten unterschiedlich entwickeln oder unterschiedliche Symptome zeigen?

Dr. Pecht: Hormone und Stoffwechsel beeinflussen maßgeblich, wie Krankheiten entstehen, sich äußern und wie Patientinnen und Patienten auf Behandlungen reagieren. Körperfett ist nicht nur ein Energiespeicher – es steht in aktivem Austausch mit dem Immunsystem und anderen Organen wie der Leber und dem Gehirn. Außerdem produziert und verändert es Sexualhormone, wodurch das hormonelle Gleichgewicht beeinflusst und gesundheitliche Risiken mitbestimmt werden. Geschlechtshormone wie Östrogen, Progesteron und Testosteron regulieren das Immunsystem, die Fettverteilung und die Organfunktionen. Diese Effekte verändern sich im Lebensverlauf, einschließlich Pubertät, Schwangerschaft und Menopause. Beispielsweise unterstützt Östrogen die Gesundheit der Blutgefäße und hilft, Entzündungen zu kontrollieren. Dies ist einer der Gründe, warum Frauen vor der Menopause ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Nach der Menopause, wenn der Östrogenspiegel sinkt, nimmt dieser Schutz ab und das Risiko steigt.

Hormone beeinflussen auch das Immunsystem. Frauen haben in der Regel stärkere Immunantworten, was den Schutz vor Infektionen verbessert, aber auch das Risiko für Autoimmunerkrankungen erhöht. Auch die Reaktion auf Medikamente ist ein Beispiel: Unterschiede in Körperzusammensetzung, Leberenzymen und Hormonspiegeln beeinflussen, wie Medikamente aufgenommen und abgebaut werden. Dies ist einer der Gründe, warum Frauen häufiger Nebenwirkungen erleben. Biologische Unterschiede interagieren zudem mit Lebensstil und sozialen Faktoren. Stress, Zugang zur Versorgung und Gesundheitsverhalten werden durch soziale Rollen geprägt. Gemeinsam wirken diese Faktoren darauf ein, wann Krankheiten erkannt werden und wie ihre Behandlung erfolgt.

UKBmittendrin: Welche zukünftigen Anwendungen haben diese Ergebnisse, und wie können sie in die Klinik oder weitere Forschung übertragen werden?

Dr. Pecht: Unsere Ergebnisse können dazu beitragen, eine dringend benötigte Grundlage dafür zu schaffen, wie sich das Immunsystem im Verlauf des Menstruationszyklus‘ bei gesunden Menschen verhält. Das ist ein wichtiger erster Schritt, denn ohne ein klares Verständnis davon, was „normal“ ist, lassen sich krankheitsbedingte Veränderungen nur schwer einordnen.

Zukünftig könnte dieses Wissen sowohl die Forschung als auch die klinische Praxis verbessern. So kann es beispielsweise helfen, Studien besser zu planen und zyklusbedingte Schwankungen zu berücksichtigen. Auch in der Klinik könnte es Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, Blutwerte genauer zu interpretieren. Darüber hinaus kann es zu einer stärker personalisierten Medizin beitragen, bei der der Menstruationszyklus bei Diagnostik und Therapie berücksichtigt wird.

Langfristig könnte diese Forschung dazu beitragen zu verstehen, ob und wie sich immunbezogene Erkrankungen oder Therapieantworten im Verlauf des Menstruationszyklus verändern. Dies könnte den Weg für präzisere Diagnosen und besser abgestimmte Behandlungen ebnen.

UKBmittendrin: Wie weit sind wir von einer wirklich geschlechtersensiblen Medizin entfernt?

Dr. Pecht: Meiner Ansicht nach kann es keinen Fortschritt in der Präzisionsmedizin ohne einen konsequenten Fokus auf geschlechtersensible Medizin geben. Da Präzisionsmedizin in unserem Gesundheitssystem und für die Öffentlichkeit immer wichtiger wird, wird meiner Einschätzung nach in den kommenden Jahren ein schnellerer Fortschritt möglich sein. Es gibt bereits klare Fortschritte, einschließlich Leitlinien, gesteigertem Bewusstsein und finanzieller Unterstützung. Die Umsetzung ist jedoch noch begrenzt. Viele Studien schließen Frauen ein, analysieren oder berichten jedoch nicht ausreichend über Geschlechtsunterschiede.

Um Fortschritte zu erzielen, brauchen wir:

  • Studien, die Geschlechtsunterschiede von Anfang an berücksichtigen;
  • Klinische Studien, die auf die Erkennung dieser Unterschiede ausgelegt sind;
  • Klare Berichterstattung der Ergebnisse;
  • Integration der Ergebnisse in medizinische Leitlinien.

Positiv ist, dass es in Deutschland – auch in Nordrhein-Westfalen – zunehmend praktische Initiativen gibt. Dazu gehört beispielsweise Landesinitiative Gendermedizin NRW, ebenso wie eine wachsende Zahl an Forschungsgruppen und Instituten, die sich mit geschlechtersensibler Medizin beschäftigen

Eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Forschung und klinischer Praxis ist entscheidend, um sicherzustellen, dass Wissen in bessere Versorgung umgesetzt wird. Gleichzeitig müssen soziale Faktoren berücksichtigt werden. Geschlechterrollen beeinflussen Stress, Zugang zur Versorgung und Lebensstil. Zum Beispiel tragen Frauen häufig eine höhere Last unbezahlter Pflegearbeit, was sowohl Gesundheit als auch Teilnahme an Forschung beeinflussen kann. Diese Aspekte benötigen mehr explizite Aufmerksamkeit.

UKBmittendrin: Welche realen Folgen hat die Gender Health Gap für Patientinnen?

Dr. Pecht: Die geschlechtsspezifische Gesundheitslücke betrifft Frauen und Männer. Bei beiden kann es dazu kommen, dass Krankheiten aufgrund unterschiedlicher Symptome oder Vorannahmen verspätet erkannt werden.

Ein Beispiel sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder COPD, die lange als „Männerkrankheiten“ galten. Dadurch werden Frauen oft später diagnostiziert und behandelt. Umgekehrt wird Osteoporose bei Männern häufig übersehen.

Auch im Alltag zeigen sich Unterschiede: ADHS wird bei Mädchen oft später erkannt, da sich die Symptome anders äußern.

Eine Studie in The Lancet Public Health zeigt zudem: Frauen leben im Durchschnitt länger, verbringen jedoch mehr Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen. Besonders häufig sind sie von Beschwerden wie Rückenschmerzen, Depressionen und Kopfschmerzen betroffen.

Studien:
Klein, S. L., & Flanagan, K. L. (2016). Sex differences in immune responses. Nature Reviews Immunology
Mauvais-Jarvis, F. et al. (2020). Sex and gender: modifiers of health. The Lancet
Clayton, J. A. (2016). Studying both sexes. FASEB Journal
Regitz-Zagrosek, V. (2012). Sex and gender differences in health. EMBO Reports
NIH Revitalization Act (1993)
McKinsey Health Institute (2022). Closing the women’s health gap
Tannenbaum, C. et al. (2017). Sex and gender analysis improves science. Nature
Ngo, S. T. et al. (2014). Sex differences in autoimmune disease. Frontiers in Neuroendocrinology
Institute of Medicine (2001). Does Sex Matter?

www.medizin.nrw/leuchttuerme/gendermedizin-nrw/

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