Forschende am UKB gehen einer Sauerstofftherapie zur Behandlung von seltenen radiogenen Spätfolgen auf den Grund
Etwa die Hälfte der Krebspatient*innen durchläuft eine Strahlentherapie – in der Regel erfolgreich und mit guter Verträglichkeit. Mit steigender Zahl an Langzeitüberlebenden wächst aber die Bedeutung auch selten möglicher Spätfolgen. Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) kann helfen, durch die Strahlentherapie verursachte chronische Nebenwirkungen, zu behandeln. Im hochrangigen Fachjournal CA: A Cancer Journal for Clinicians erschien kürzlich dazu eine Übersichtsarbeit von Forschenden unter Federführung der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am UKB. Mit UKBmittendrin sprechen Klinikdirektorin Prof. Eleni Gkika, PD Dr. Julian Layer, Leiter der Translationalen Radioonkologie, sowie Erstautor PD Dr. Cas Dejonckheere über die Ergebnisse der HBOT bei chronischen strahlenbedingten Nebenwirkungen.

UKBmittendrin: Wie funktioniert die hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) in der Radioonkologie?
PD Dr. Dejonckheere Bei der hyperbaren Sauerstofftherapie oder HBOT atmen Patientinnen und Patienten reinen Sauerstoff in einer speziellen Überdruckkammer ein. Durch den erhöhten Umgebungsdruck gelangt deutlich mehr Sauerstoff ins Blut und damit auch in potenziell geschädigte, schlecht durchblutete Gewebe. Das ist wichtig, weil viele Spätfolgen nach Strahlentherapie durch Sauerstoffmangel und Gefäßschäden entstehen. Der zusätzliche Sauerstoff fördert die Neubildung von Blutgefäßen, reduziert Entzündungen und unterstützt die langfristige Gewebereparatur.
Die Therapie erfolgt meist ambulant. Eine Sitzung dauert etwa 90 bis 120 Minuten und wird an mehreren Tagen pro Woche über mehrere Wochen durchgeführt. Der Behandlungseffekt entwickelt sich nicht sofort, sondern oft erst Wochen nach Abschluss, wenn die biologischen Reparaturprozesse einsetzen. Die HBOT ist insgesamt gut verträglich. Häufige Nebenwirkungen sind ein vorübergehendes Druckgefühl im Ohr oder reversible Sehstörungen. Schwerwiegende Komplikationen sind selten, sodass die Therapie bei sorgfältiger Auswahl der Patientinnen und Patienten als sicher gilt.
UKBmittendrin:Was war Ihre Motivation, sich den Einsatz der HBOT in Bezug auf die Behandlung chronischer Folgen der Strahlentherapie näher anzuschauen?
Prof. Gkika: Ein zentraler Beweggrund war, dass die hyperbare Sauerstofftherapie als Behandlungsoption bei Strahlentherapie-Spätfolgen bislang relativ wenig bekannt ist und in der klinischen Praxis sehr uneinheitlich eingesetzt wird. Viele dieser chronischen Nebenwirkungen werden je nach Zentrum und Fachdisziplin sehr unterschiedlich behandelt, oft ohne klare evidenzbasierte Leitlinien. Unser Ziel war es daher, erstmals eine übersichtliche und praxisnahe Zusammenfassung der gesamten verfügbaren Evidenz zu erstellen. Die Arbeit soll allen, die Krebspatientinnen und -patienten betreuen, eine klare Orientierung geben und aufzeigen, wo die hyperbare Sauerstofftherapie sinnvoll eingesetzt werden kann und wo ihre Grenzen liegen. Damit schaffen wir eine fundierte Grundlage für einheitlichere, evidenzbasierte Entscheidungen in der Nachsorge.
UKBmittendrin:Bei welchen möglichen Spätfolgen nach Strahlentherapie kann die HBOT helfen und warum?
PD Dr. Layer: HBOT kann vor allem bei Spätfolgen helfen, die durch Sauerstoffmangel, Gefäßschäden und eine gestörte Wundheilung im bestrahlten Gewebe gekennzeichnet sind. Dazu zählen insbesondere eine chronische radiogene Blasenentzündung, fachsprachlich Zystitis, und eine chronische radiogene Enddarmentzündung, Proktitis genannt. Hinzu kommen bestimmte Weichteil- und Knochennekrosen wie die Osteoradionekrose des Kiefers, bei der Knochengewebe abstirbt, sowie chronische Hautveränderungen, die oft mit Schmerzen einhergehen. Diese Krankheitsbilder haben gemeinsam, dass sie auf einer dauerhaft gestörten Geweberegeneration beruhen. In solchen Situationen kann die HBOT die Heilungsprozesse unterstützen und Symptome langfristig lindern. Entscheidend ist dabei eine sorgfältige Patientenauswahl, da nicht alle Spätfolgen so behandelt werden können und nicht alle Betroffenen gleichermaßen von der Therapie profitieren.
UKBmittendrin:Welche wesentlichen Lücken bezüglich HBOT konnten Sie aufdecken?
PD Dr. Dejonckheere: Eines der größten Probleme ist die insgesamt noch begrenzte und sehr heterogene Datenlage. Studien unterscheiden sich stark in Patientenauswahl, Indikationen, Behandlungsprotokollen und Endpunkten, was Vergleiche erschwert. Für viele Spätfolgen fehlen gut durchgeführte randomisierte Studien oder langfristige Verlaufsdaten. Zudem ist unklar, welche Patientinnen und Patienten am meisten profitieren, wann der optimale Zeitpunkt für den Therapiebeginn ist und wie viele Sitzungen tatsächlich notwendig sind, wobei Aufwand und Kosten natürlich berücksichtigt werden müssen. Diese Unsicherheiten tragen wesentlich dazu bei, dass HBOT bislang zurückhaltend und uneinheitlich eingesetzt wird.
UKBmittendrin:Was ist Ihr Fazit und welche Empfehlungen geben Sie auf der Basis der Studienergebnisse?
Prof. Gkika: Zunächst einmal möchten wir betonen: Die Strahlentherapie ist eine sichere und wirksame Behandlungsoption für sehr viele Krebserkrankungen. Auch wenn unsere Behandlung durch präzisere Techniken wie die adaptive Strahlentherapie mit künstlicher Intelligenz und die Hochpräzisionsstrahlentherapie insgesamt deutlich weniger und mildere Spätfolgen verursacht, sehen wir durch die wachsende Zahl an Langzeitüberlebenden jedoch weiterhin Patientinnen und Patienten mit schweren, chronischen Beschwerden, für die es nur begrenzt wirksame Optionen zur Linderung gibt.
PD. Dr. Layer: Auf Basis der aktuellen Studienlage empfehlen wir die HBOT vor allem dort, wo die Evidenz am stärksten ist – insbesondere bei radiogener Zystitis und radiogener Proktitis. Bei Kiefernekrosen kann HBOT in ausgewählten Fällen als Baustein in einem multimodalen Konzept, häufig in Kombination mit einer Operation, sinnvoll sein. Eine frühe Einleitung der Therapie sollte stets angestrebt werden, da bestimmte Gewebeveränderungen irreversibel sein können. Wichtig sind zudem eine sorgfältige Patientenselektion sowie auch die Abstimmung mit Patientinnen und Patienten, aber auch weiteren beteiligten Fachdisziplinen, weil Aufwand und Zugang zur HBOT eine echte Hürde sein können und nicht jede Indikation gleichermaßen profitiert. Diese Aspekte können und sollten im Rahmen der onkologischen beziehungsweise strahlentherapeutischen Nachsorge besprochen werden.
Publikation: Cas Stefaan Dejonckheere et al.: Hyperbaric oxygen therapy for chronic radiotherapy-related adverse effects; CA: A Cancer Journal for Clinicians (2025); DOI: https://doi.org/10.3322/caac.70058